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DIETER SCHREY 

INTERPRETATION:
GÜNTER KUNERT,
DIE KLEINEN GRÜNEN MÄNNER (1972)


Günter Kunerts 1972 in dem Band "Tagträume in Berlin und andernorts" erschienene Geschichte (München: Hanser) handelt von der Invasion „kleiner grüner Männer“ aus den tiefsten Tiefen des Universums auf „unserem“ Planeten – genauer: „der kleinen grünen Männer“, denn möglicherweise kennt der Leser sie bereits aus „vielen utopischen Romanen“. Ihr Eindringen ist zwar von der „Fama“ und vielen „Spekulationen“ vorhergesagt worden, aber eine Landung in absehbarer Zeit wird nur von wenigen für möglich gehalten. Nur der Ich-Erzähler, der zunächst das „ich“-Sagen vermeidet und lediglich von „uns“ (den Menschen, also auch den Lesern) redet, scheint der einzige Wissende zu sein, er kennt und verrät dem Leser die „schreckliche Wahrheit“, dass nämlich die kleinen grünen Männer bereits „längst“ da sind, sich in die Köpfe oder Seelen eingeschlichen haben und von dort aus das menschliche Alltagsverhalten steuern. Sie stecken dahinter, „wenn wir einander leiden machen“ und uns gegenseitig verletzen und umbringen. Der Überraschungseffekt der Geschichte besteht darin, dass der Erzähler zunächst über die ersten zwei Drittel des Textes den Leser auf unterhaltsame Weise über die Vermutungen, Hoffnungen und Ängste der Menschen im Zusammenhang mit den kleinen grünen Männern, über ihr völliges Unwissen informiert und ihn dann schockartig vor die vollendete Tatsache stellt: „sie“ sind schon da und „wir“ haben es nicht gemerkt. Sogar „ich“ und „du“ (der so angeredete Leser?) sind unmittelbar betroffen, auch unsere Beziehungskonflikte gehen auf die Einwirkung der kleinen teuflischen Invasoren zurück. Diese Wesen sind offensichtlich ein Bild für das Böse in den Menschen, und der Autor deutet in seinem parabolischen Text auch an, worin die Ursache der Bosheit zu sehen ist, nämlich – umständlich formuliert - in etwas „der Lust Verwandtem“.

Zu Beginn der Erzählung breitet der Erzähler – auf dem neuesten Stand des Wissens über die kleinen grünen Männer – seine Kenntnisse aus, redet von den „Ursprungsplaneten“ und dem „Rand unserer Milchstraße“, von „schärfsten Teleskopen“ und „Ballen von dunkler Materie“ – und relativiert gleichzeitig dieses Wissen ständig und gründlich: Alles, was man zu wissen meint, ist „voreilig“, gilt nur „dem Vernehmen nach“, die Fama „meint“ es bloß, überhaupt fehlt „uns das Vorstellungsvermögen“ und auch das Ziel einer gerüchteweise vermuteten künftigen Landung der grünen Männer wird nur am Rande erwähnt: sie werden nämlich kommen, „um uns zu domestizieren“. Eine Zivilisierung der Menschheit also in Form einer Zähmung, einer aufgezwungenen gewaltsamen Aktion? Das wird erst „einst“ spruchreif, in märchenhafter Entfernung von der Gegenwart.

Das ist die Ausgangssituation der Geschichte von den kleinen grünen Männern. Möglicherweise setzt gerade die Unsicherheit über deren „Pläne“ („es heißt“ – „wisse niemand“) die Fantasie der Menschen in Gang, allerdings in eine Richtung, die dem Erzähler Unbehagen verursacht, denn plötzlich wandelt er sich vom neutralen Berichterstatter zum Satiriker und zitiert voller Hohn die Redeweise seiner Zeitgenossen, die von der gegenwärtigen Lebens- und Arbeitswelt als „unserer lichten Welt“ („hell – geordnet“) und von „fröhlichen“ und „zufriedenen“ Menschen schwärmen und diese Idylle durch die Besucher aus dem Weltraum gefährdet sehen. Mit der ironischen Andeutung, wohin der Weg der Menschheit in ihrer Verblendung führen kann, nämlich „ins große Verdämmern“, signalisiert der Erzähler den Beginn einer Komplikation der Handlung. Meinungsverschiedenheiten und Konflikte unter verschiedenen Gruppen können angesichts der „umfassenden Unklarheit“ nicht ausbleiben. Während sich einige in der trügerischen Hoffnung wiegen, das gegenwärtige „Jahrtausend“ werde eine solche Invasion aus dem Weltall nicht erleben (ironischerweise dauert das Jahrtausend im Veröffentlichungsjahr des Textes 1972 nur noch 28 Jahre!), heben andere in apokalyptischen Bildern die Dramatik und den Schrecken der in naher Zukunft zu erwartenden Landung hervor („eines Morgens … an unsere irdische Tür pochen“). Doch der Erzähler berichtet von solchen Schreckensvisionen (vor Entsetzen „werde das Herz stehenbleiben“) nur, um sie zu überbieten: Mitten in einem Satz über das in indirekter Rede wiedergegebene „Meinen“ der Leute verlässt er die distanzierte Berichterstattung und rückt mit seinem Wissen über das ganze „Ausmaß der schrecklichen Wahrheit“ heraus. An die Stelle des Präsens, das den Dauerzustand des bloßen Meinens bezeichnet hat, tritt zuerst das Perfekt, wenn er kundtut, „dass die Landung bereits stattgefunden hat“, und darauf das Präteritum für die detaillierte Erzählung des besonderen Ereignisses. Dies geschieht in Form einer Groteske: Die Menschheit hat sich als „dumpf dämmernde Spezies“ mit „dicken schnarchenden Nasen“, „qualligen Ohrmuscheln“ und „bleckenden Zahnreihen“ gezeigt; in diese röchelnden „Schläfer“ sind die grünen Invasoren mit Hilfe ihrer „speziellen Instrumente“ eingedrungen, „von denen sich unsere Universitätsweisheit absolut nichts träumen lässt“. Für einen Moment mag der Leser sie für sympathisch halten, da sie ein „Lächeln auf den Gesichtern“ haben, allerdings ein „kleines grünes“….

Nachdem die Handlung in der Gegenwart des Erzählers angekommen ist („Dort hausen sie heute“: Präsens und Zeitadverb), erwartet der Leser die Auflösung der Handlung. Die Wortwahl „hausen“ deutet auf einen negativen, vielleicht katastrophalen Ausgang des Geschehens hin. Aber was der Leser dann erfährt, übertrifft alle seine Erwartungen: Die kleinen grünen Männer stellen sich als Personifikationen brutalster menschlicher Aggressivität heraus, denen wir, wenn sie „uns“ „wie Panzer“ im Leben herumfahren, widerstandslos ausgeliefert sind, weil wir nicht wissen, dass sie in uns „hausen“. An dieser Stelle zeigt sich, dass der Erzähler nicht zufällig in jedem Satz seiner Erzählung vom scheinbaren Wissen und dem faktischen völligen Unwissen sowie der mangelhaften Fantasie der Menschen gesprochen hat. Seine Geschichte hat das aufklärerische Ziel, dem Leser einen Spiegel seines alltäglichen aggressiven Denkens und Handelns und des dahinter stehenden Nicht-Wissens über sich selbst vorzuhalten:
Die eigentliche Ursache für das Böse im Menschen sieht der Erzähler – als Sprachrohr des Autors – in einer seelischen Triebkraft, die „der Lust verwandt“ ist, und meint damit vielleicht einen Zerstörungstrieb im Menschen, parallel („verwandt“) zum Sexualtrieb. „Wie Panzer“ und voll Hass „rammen“ die Menschen einander, sie „treten, stoßen, würgen und töten“ und haben vorher wohl jedes Mal das „kleine grüne Lächeln auf den Gesichtern“. Zu ihrer Boshaftigkeit gehört also auch noch die Hinterhältigkeit.

Das wird im allerletzten Absatz und Satz des Textes deutlich, in dem der Erzähler seiner Geschichte ein weiteres Mal eine äußerst überraschende Wendung gibt: Indem er „ich“ sagt, tritt er einerseits selbst als Zeuge der Invasion auf den Plan, verlässt andererseits aber gleichzeitig die parabolisch zu verstehende fantastische Handlungsebene der kleinen grünen Männer und erzählt im Präteritum von seinem eigenen, authentischen Erleben. Selbstverständlich hat er keine grünen Teufelchen am Werk gesehen, aber er hat „hinter deinen Augen“ die Lust am Zugrunderichten in dem „kleinen grünen Freudenfeuer“ erkannt, das aufflackerte, „nachdem du mich verraten“. So drückt er es in pathetisch-poetisch klingender Sprache aus (das fehlende „hast“!). Erstaunt und betroffen fragt sich der Leser, wer mit dem „Du“ gemeint sein mag, ein Freund des Ich-Erzählers, seine Geliebte oder gar er, der Leser selbst.

Natürlich fragt sich der Leser zum Schluss ebenso, wie der Erzähler zu seinem Wissen gekommen ist und ob er, der allwissende Erzähler, nicht notwendigerweise selbst einen der „kleinen grünen Männer“ in sich haben muss und was das dann für seine Parabel von der Bosheit, dem Unwissen und der Verblendung der Menschen bedeutet.


© Dieter Schrey 2007

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