(A) Rationalistisches und phantastisches
Wirklichkeitsmodell
Der Leser/die Leserin mag es nachsehen,
wenn ein Interpretationsversuch zu Kafkas "Prozess"-Roman mit einem
Witz beginnt, einem Witz,
der nicht einmal neu ist und dazu noch lediglich zu dem Zweck
erzählt wird, anschließend zerpflückt zu werden:
Kommt also 'n Pferd in die Bar, setzt
sich an die Theke, bestellt 'n Bier, trinkt, bezahlt, geht wieder. Ruft
einer vom Stammtisch rüber zum Wirt: Sagen Sie mal, war das nicht
'n bisschen eigenartig? Meint der Wirt: Hab ich auch gedacht. Sonst
trinkt es immer mindestens fünf!
1. Da geschieht also das schlechthin
Unmögliche, Phantastische:

Ein Pferd bricht -
literaturwissenschaftlich-pathetisch gesprochen - aus der in bestimmter
Weise jenseitigen Welt der Tiere in die Welt des menschlichen Alltags
ein und verhält sich dort wie ein biederer Bürger: es trinkt
Bier und bedient sich in diesem Zusammenhang der menschlichen
Kommunikationsmedien "Sprache" und "Geld". Das gängige
Wirklichkeitsmodell funktioniert nicht mehr.
2. Der Erzähler bietet nun in der
Geschichte seinen Hörern eine Identifikationsfigur an, die dort
deren Standpunkt der normalen Realitätseinschätzung vertritt:
Ein Stammtischgast wundert sich über die "Erscheinung" und fragt
den Wirt.
Der aber - 3. - wundert sich
überhaupt nicht: Im Wirklichkeitsmodell des Wirtes
umschließt der Bereich des Realen offensichtlich auch das
Irreale, Phantastische. Er wundert sich lediglich über etwas, was
angesichts des eigentlich doch erschreckenden Zusammenbruchs der
normalen Wirklichkeitserwartungen völlig nebensächlich
erscheint und zudem frühere gleichartige phantastische Erfahrungen
fraglos voraussetzt.
4. Der fiktive Erzähler der in dem
Witz erzählten Geschichte scheint auf der Seite des
Stammtischgastes zu stehen: Wenn er die Geschichte auf die Pointe der
überraschenden, lächerlichen Durchbrechung der normalen
Erwartungshaltung durch den Wirt hinauslaufen lässt, setzt er ja
gerade das im Alltag seiner Zuhörer geltende Wirklichkeitsmodell
als normal voraus.
5. Die Diskrepanz der beiden
Erwartungshaltungen löst sich bei den Zuhörern in Lachen
(zumindest müdem Lächeln) auf. Ihr Wirklichkeitsmodell ist
nicht grundsätzlich in Frage gestellt worden - schließlich
war ja alles nur ein Witz.
Und doch: 6.: Streng genommen gehört
dieser Witz zur phantastischen Literatur, denn der Erzähler
distanziert sich nirgendwo von der Anfangsaussage, dass nämlich
ein Pferd die Bar betreten hat. Wenn er die Geschichte, über den
Witz hinaus, fortsetzen und zu einem phantastischen Roman
ausspinnen wollte (man vergleiche z.B. die Rolle der Pferde in Kafkas
Erzählung "Der Landarzt"), würde er wohl die Einwände
von Seiten
eines empirisch-rationalen modernen Weltbildes berücksichtigen und
irgendwelche, wahrscheinlich psychologischen Erklärungen der
befremdlichen "Erscheinung" des sprechenden Pferdes anbieten. Als Autor
authentischer phantastischer Literatur würde er dann
Erklärbarkeit und Unerklärbarkeit, rationalistisches und
phantastisches Wirklichkeitsmodell von Anfang bis Ende in der Schwebe
halten. Man denke nur an Erzählungen von E.T.A. Hoffmann oder E.
A. Poe oder heute z.B. an die Bestseller von Stephen B. King.
In einer verallgemeinernden Graphik sieht
das dann so aus:

Und nun der Sprung zu Kafkas "Prozess".
Dreierlei soll mit der Gegenüberstellung des einfachen Witzes und
des großen Romans erreicht werden. Ein Sakrileg - ein solcher
Vergleich? Jedenfalls geht es mir 1. um den Versuch, von Anfang an den
Roman möglichst von dem Podest herunterzuholen, auf dem er
für viele steht. Es hat der Kafka-Forschung nur geschadet, dass
sie lange Zeit ihren Gegenstand für etwas absolut Singuläres
gehalten hat. Nicht nur religiöse oder
existentialistisch-philosophische Deutungen haben dazu verführt,
dass die Leser zu Kafkas Werk und Person ehrfürchtig aufgeschaut
haben. Auch solche Deutungen, die entweder von der völligen
Undeutbarkeit oder der unbestimmten, grenzenlosen Vieldeutigkeit seines
Erzählens ausgehen, heben Kafka und sein Werk aus dem Rahmen der
Literaturgeschichte heraus. Das ist historisch ein Unding und
hermeneutisch ein Fehler.
Der Vergleich mit dem Witz verfolgt ein
zweites Ziel: Auch die Handlung der Erzählungen und Romane Kafkas
lässt sich immer wieder als komisch verstehen - wobei
allerdings befreiende und beklemmende Wirkung ineinander übergehen
(Detlef Kremer, Die Erotik des Schreibens. Schreiben als Lebensentzug,
Frankfurt am Main [Athenäum] 1989, S. 168). Ist z.B. die erste
"Szene" im "Prozess" nicht auch komisch?
Stellen wir uns vor: Da erscheint eines
Morgens am Bett des Bankprokuristen Josef K. statt der gewohnten
gemütlichen, wahrscheinlich weiß geschürzten
Köchin seiner Zimmervermieterin zur Frühstückszeit ein
drahtig wirkender Unbekannter in einem fremdartigen enganliegenden
schwarzen Reisekleid, der zunächst jede Auskunft über seine
Identität verweigert und so tut, als wäre sein Erscheinen das
Normalste von der Welt - und Josef K., statt sich auf sein normales
Wirklichkeitsmodell zu berufen und den frechen Eindringling einfach
hinauszuschmeißen, weiß nichts anderes zu tun, als
ebenfalls die Situation für noch normal zu nehmen, im Bett liegen
zu bleiben, an nichts als seinen Hunger (P 7, Z. 8***) zu denken, den
Schwarzgekleideten einfach für den Stellvertreter der Köchin
zu nehmen und die dreiste Frage "Sie haben geläutet?" brav mit
"Anna soll mir das Frühstück bringen" zu beantworten. Nachdem
der Unbekannte diese Aufforderung in einem ironischen Echo in den
Nebenraum weitergegeben hat ("Er will, dass Anna ihm das
Frühstück bringt"), ertönt im Nebenzimmer "ein kleines
Gelächter" (P 8). Erst relativ spät kommt Josef K. selber die
Idee, "das Ganze als Spaß an[zu]sehen, als groben Spaß"
sogar (P 9), aber: "war es eine Komödie, so wollte er mitspielen"
(P 10) - als komische Figur in der Groteske, nicht als Regisseur, der
selber darüber entscheidet, wann und worüber gelacht wird.
Ich komme zum 3., entscheidenden Vergleich
Witz - Roman:
Josef K. verhält sich auf den ersten Blick ähnlich wie der
Wirt des Witzes vom biertrinkenden und sprechenden Pferd: Da geschieht
wirklich Unmögliches, Phantastisches, in diesem Fall ein aus
heiterem Himmel erfolgender Übergriff in die Privatsphäre,
der als Verhaftung ausgegeben wird, der aber den einfachsten
Selbstverständlichkeiten der Rechtsstaatlichkeit hohnspricht,
obwohl K. "doch in einem Rechtsstaat [lebte]"(P 9) - und Josef K.
spielt letztlich mit. Allerdings sind zwei wesentliche Unterschiede
bemerkenswert:

1. Anders als der Wirt spielt Josef K. nur
in seinem faktischen Verhalten mit, nicht aber - wie noch zu zeigen ist
- in seinen expliziten Gedanken, auch nicht unbedingt in seinen
Äußerungen. Das heißt: Zwischen dem
Wirklichkeitsmodell, das seine ihm bewussten Gedanken bestimmt, und
dem, nach dem er handelt, besteht ein deutlicher Widerspruch.
2. Der Hörer des Witzes weiß,
aus welchem Grund der Wirt das in der Alltagswirklichkeit Mögliche
anders einschätzt als seine Gäste in der Bar: Im Unterschied
zu ihnen hat der Wirt das Erscheinen oder die "Erscheinung" des
bierdurstigen Pferdes ja schon mehrmals erlebt - das sagt er, und es
wird vom Erzähler auch nicht widerrufen. Aus welchem Grunde sich
dagegen Josef K. im Widerspruch zum allgemeingültigen und
eigentlich auch für ihn verbindlichen Wirklichkeitsmodell, zu dem
rechtsstaatliche Verfahren als Selbstverständlichkeit
gehören, auf ein Spiel einlässt, das nach völlig
realitätsfremden, grotesken Spielregegeln konstituiert ist, bleibt
unklar, und zwar bis zum Schluss des Romans. Es bleibt - jedenfalls auf
der Ebene der im Roman explizit geäußerten Gedanken K.s -
ebenso ungeklärt wie die Frage, aus welchem Grunde in der
Erzählung "Die Verwandlung" Gregor Samsa sich nicht unmittelbar
zur Wehr setzt und aktiv wird, nachdem er "eines Morgens [...] sich in
seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt" sieht, oder
warum in der ins Dom-Kapitel des "Prozess"-Romans eingelagerten Parabel
"Vor dem Gesetz" der "Mann vom Lande" es sich von dem
Türhüter verbieten lässt, bei auch hier
vorauszusetzender "Rechtsstaatlichkeit", "in das Gesetz" einzutreten.
(B) Die Verabsolutierung des
personalen Erzählens
Ich bin dabei, die perspektivische
Grundstruktur des Romans, Kafkas immer wiederkehrendes
Erzählverfahren zu beschreiben. Der Handlungs-Kern des
"Prozess"-Romans lässt sich vielleicht so zusammenfassen: Eine
rätselhafte mythische Macht-Instanz - scheinjuristisch,
scheinmoralisch, jedenfalls autoritär - bricht störend,
letztlich zerstörerisch in die private und berufliche
Alltags-Existenz eines Karriere-Beamten ein. Entscheidend ist nun, dass
dem Leser in der Romanhandlung keine Identifikationsfigur angeboten
wird, die gegenüber der mythisch-mysteriösen Instanz des
Gerichts seinen Part spielt - im Kontrast zu dem des Protagonisten,
eine Figur also, die, wie der Stammtischgast in der
Pferd-an-der-Bar-Geschichte und wie die Gegenfiguren zum Protagonisten
sonst in phantastischer Literatur, das nicht-phantastische, rational
bestimmte Wirklichkeitsmodell konsequent vertreten.

Über eine solche Kontrastfigur zum
Protagonisten hinaus fehlt in Kafkas Roman für den Leser, der
angesichts des Unerklärbaren eine Orientierung sucht, die Figur
des von der widersprüchlichen, unsicheren Perspektive des
Protagonisten unabhängigen Erzählers, vollständig oder
jedenfalls fast vollständig - das ist das grundlegende
Charakteristikum des Kafkaschen Erzählens. Beißner hat von
"einsinnigem" Erzählen gesprochen, wir nennen es heute wohl
personal oder figurenperspektivisch. Vom ersten Satz des Romans an
enthält jeder Satz fast nur Wahrnehmungen oder Gedanken des Josef
K.:
"Jemand musste Josef K. verleumdet
haben,denn ohne dass er etwas Böses getan hätte,wurde
er eines Morgens verhaftet."
Das könnte auf den ersten Blick als
der zusammenfassende, akzentsetzende Bericht eines auktorialen
Erzählers erscheinen, der durch Innensicht über die Gedanken
seines Protagonisten verfügt und gleichzeitig auch dessen
Vergangenheit kennt: er weiß, so scheint es, dass K. "nichts
Böses getan" hat. Aber viele Anzeichen weisen darauf hin, dass
bereits dieser erste Satz einen komplizierten Gedankenzusammenhang in
Josef K.s Kopf wiedergibt und dass der Satz mehr meint, als er explizit
sagt. Dafür spricht
1. die Wortwahl "Böses getan", die an
ein irgendwie religiös verstandenes Sündenbekenntnis
erinnert,
2. die letztlich verdächtig wirkende
Syntax, die gleich mit der vertrackten, sicher-unsicheren Wendung
"musste ...haben" einsetzt und den zurückweisenden
"ohne-dass"-Nebensatz mit Konjunktiv Plusquamperfekt folgen lässt,
3. die bemüht streng syllogistische
Struktur der Aussage:
a) Tatsache 1: die Verhaftung,
b) präsupponierte Grundregel: ohne "Böses"/ohne Schuld (im
allgemeinen) keine Verhaftung,
c) Tatsache 2: keine böse Tat,
d) Schlussfolgerung: Verleumdung (auf die hier vorliegende Scheinlogik
werde ich noch zu sprechen kommen),
4. die offensichtlich auf Verschleierung
der Tatsachen ausgerichtete Rhetorik der Argumentationskette:
an 1. Stelle: Gegenbeschuldigung ("Es war jemand anderes!") -
an 2. Stelle: Selbstverteidigung ("Er hat nichts Böses getan!") -
und erst zuletzt: Tatsachenfeststellung ("Er ist verhaftet worden.").
Von Anfang an geht es offensichtlich mit
großer emotionaler Beteiligung um die Frage nach möglicher
Schuld aus subjektiver Sicht. (dass der Satz auch zumindest 4
auktoriale Elemente hat, übergehe ich.) Auch der zweite Satz
hört sich zunächst noch auktorial an, aber die deiktische
Zeitangabe "diesmal" verrät dann doch, dass hier Josef K. in
seinen Gedanken die gegenwärtige Situation zu vergleichbaren
früheren in Beziehung setzt. So geht es weiter von Satz zu Satz.
Kafka wendet das u.a. von Flaubert (!) übernommene
Erzählverfahren der erlebten Rede an. Das personale Erzählen
führt dazu, dass für den Leser die Schranken zwischen der
Innenwelt und der Außenwelt der Perspektivfigur verschwinden. Auf
diese Weise kann er an den Protagonisten nicht mehr die Wahrheitsfrage
stellen: es gibt im Roman keine vom Subjekt des Protagonisten
unabhängige, möglicherweise durch einen objektiven
Erzähler gewährleistete Objektwelt mehr. Andererseits macht
eine solche Verabsolutierung der einzigen subjektiven Perspektive auf
den Leser einen starken Glaubwürdigkeitseindruck,
schließlich treffen ihn alle wiedergegebenen Gedanken und
Wahrnehmungen des Josef K. ungefiltert, also doch wohl "echt".
Jedenfalls ist der Leser mit der einen
Person und ihrer Welt alleingelassen. Die Unsicherheit und
Widersprüchlichkeit dieser einzigen Perspektive, im Zusammenhang
mit unerklärlichen, ängstigenden Geschehnissen zum Teil
mythischen Charakters - das ist es, was die Hilflosigkeit des Lesers
gegenüber Kafka-Texten, auch gegenüber dem "Prozess"-Roman
ausmacht. Alles, wovon im Text die Rede ist, ist überhaupt nicht
vage, uneindeutig, unidentifizierbar, im Gegenteil, Kafkas Texte
zeichnen sich durch größte syntaktische wie semantische
Präzision aus. Keine Einzelheit z.B. in den Gerichtskanzleien
stößt auf irgendwelche Verständnisschwierigkeiten,
nichts ist unklar oder gar unsinnig - wenn nicht eben die eine Frage
wäre "Was hat es mit dem Gericht auf sich?", die sich in die zwei
Fragen aufgliedern lässt, die Josef K. gleich zu Beginn stellt:
"Wer sind Sie?" sowie "Und warum denn?" (P 7/8) Aber dies sind eben die
Fragen des Josef K., und niemand sonst im Roman stellt sie. Wenn wir
als Leser also gegenüber diesen Fragen hilflos bleiben, dann nur,
weil und solange wir uns auf diese eine Perspektive einlassen - nicht
also etwa, weil Kafka seinen Roman mit besonders vielen oder gar
unendlich vielen sog. "Unbestimmtheitsstellen" ausgerüstet und
verrätselt hätte, wie es die Literaturwissenschaft immer
wieder behauptet hat.
(C) Die doppelte Hermeneutik:
Bewusstes - Unbewusstes - Widersprüche
Nun ist diese eine Perspektive, die der
Roman dem Leser anbietet, zwar "einsinnig", aber überhaupt nicht
eindimensional. Ich habe schon auf die Widersprüche zwischen Josef
K.s Denken, Reden und Handeln hingewiesen: er lässt sich auf ein
Spiel ein, dessen Unmöglichkeit ihm eigentlich bewusst ist, von
der Berechtigung ganz zu schweigen. So quittiert er auch die definitive
Mitteilung seiner Verhaftung (P 8) leichtfertig mit einem scheinbar
belustigten, im Tiefsten aber einverstandenen "So sieht es aus" - statt
protestierend zu rufen "Die Verhaftung entbehrt jeder Grundlage" oder
"Da hat mich jemand verleumdet". Die genauere Betrachtung des ersten
Satzes des Romans hat schon andeutend ergeben, warum K. vielleicht bei
seiner Verhaftung und dann auch weiterhin bei seinem Prozess mitspielt:
Von Anfang an drängt sich der Verdacht auf, dass er selber ein
dumpfes Schuldgefühl hat, das er, ohne es zu merken,
sorgfältig vor seinem Bewusstsein versteckt, das sich aber
indirekt doch in seine gedachten und gesprochenen Sätze
hineinzwängt, dann - z.B. in der Wortwahl und in dem
übermäßigen rhetorischen und logischen Bemühen des
ersten Satzes - zum Vorschein kommt und vom aufmerksamen, einmal
misstrauisch gewordenen Leser bemerkt und gedeutet werden kann. Wer
sollte eigentlich nicht misstrauisch werden, wenn ein Roman mit einem
eindeutigen logischen Fehler beginnt? Der erste Satz setzt ja im
Gebrauch der kausalen Konjunktion "denn" voraus, dass jeder, der
ungerechtfertigt verhaftet wird bzw. sich bei seiner Verhaftung keiner
Schuld bewusst ist, "verleumdet" worden ist, nein: verleumdet sein
"muss". Andere Erklärungsmöglichkeiten werden hier einfach
unterschlagen!
Einmal misstrauisch geworden, lese ich
weiter. Da ist also K. etwas "noch niemals Geschehenes" passiert (Z. 5)
- das aber doch jeden Alltag passieren kann: das Frühstück
wird ihm nicht ans Bett gebracht - damit setzt die Handlung
ein, lange vor dem Erscheinen des Schwarzgekleideten. Wirft ihn das
schon aus der Bahn, so dass man sagen könnte, in Abwandlung des
letzten Satzes der Erzählung "Der Landarzt": "Einmal dem Fehlen
der Serviererin gefolgt - es ist niemals gutzumachen"? Jedenfalls
geschieht nach "einem Weilchen" (Z. 5) noch einmal etwas angeblich
"ganz Ungewöhnliches" (Z. 7), das aber eigentlich ebenfalls jeden
Tag passieren kann: "die alte Frau" von gegenüber beobachtet ihn -
nicht "mit ungewöhnlicher Neugierde", sondern "mit einer an ihr
ganz ungewöhnlichen Neugierde". Was steckt hinter dieser
Beobachtung Josef K.s? Hat er sich bereits bisher für diese alte
Frau interessiert? Denn er scheint ja genau das "an ihr" übliche,
d.h. für sie charakteristische morgendliche Verhalten zu kennen.
Andererseits weiß er von ihr doch wohl nur, dass sie sich bisher
für ihn nicht interessiert hat, so dass ihm gerade ihre heutige
"Neugierde" auffällt. Worin liegt aber dann heute das "ganz
Ungewöhnliche", wenn er selber der Gegenstand ihrer Neugierde ist?
Hat sich an ihm irgendetwas von ihr Beobachtbares verändert, das
er selber bisher nicht bemerkt hat? Oder projiziert Josef K. nur einen
heute in ihm sich regenden Selbstbeobachtungsdrang nach außen auf
die "alte Frau"? Das wäre verständlich, wenn ihn der
innerseelische Gegenstand seiner Selbstbeobachtung so sehr beunruhigte,
dass er ihn nicht in sein Bewusstsein vordringen lassen wollte und ihn
deshalb auf die Frau am Fenster übertrüge. Was aber wäre
dann das ihn Beunruhigende? Nachdem der erste Satz des Romans den Leser
auf die Fährte der Schuldthematik gesetzt hat und nachdem dabei
bereits der Verdacht auf ein verborgenes, mit großem sprachlichem
Aufwand verheimlichtes Schuldgefühl aufgekommen ist, wird nun
dieser Verdacht verstärkt.
Bereits im ersten Kapitel sind alle
für das Verständnis des ganzen Romans wesentlichen Elemente
beisammen. Aus diesem Grunde ist eben hier sowohl methodisches
Misstrauen gegenüber dem Wortlaut und detektivischer Spürsinn
beim genauen Buchstabieren als auch dann ein intensives Bemühen um
Fremdverstehen vonnöten. Es geht darum, dass sich die Leserin/der
Leser probeweise ganz auf die eine einzige, den Roman bestimmende
Perspektive des Josef K. zu einem bestimmten Zeitpunkt der Handlung
einlässt, des Josef K. als eines Menschen, dessen innere Regungen
und Handlungen so schwer oder so leicht verstehbar sind wie die eines
Menschen, dem man im Alltag begegnet und dem man im eigenen Urteil und
eigenen Handeln gerecht werden will. Der beobachtende Blick sollte sich
dabei auf zwei Ebenen richten, die Ebene des Bewussten, des im Denken,
Handeln und Reden explizit Intendierten, und auf die Ebene des
Unbewussten. Dessen von der Oberfläche des Denkens verdrängte
Inhalte sind nur aus dem zu rekonstruieren, was in der Dialog- und in
der Gedankenrede bei genauem Hinsehen nicht selbstverständlich
scheint und auffällt. Natürlich fällt so vieles nicht
oder nicht sofort auf - bzw. nicht unbedingt genau das, was nach
intensiver Vorbereitung in die Augen sticht. Wichtig ist es,
möglichst schnell mit der für das Kafka-Verstehen
unverzichtbaren "doppelten Hermeneutik" zu arbeiten (Gerhard Kurz,
Traum-Schrecken. Kafkas literarische Existenzanalyse, Stuttgart
[Metzler] 1980), die dem widersprüchlichen Ineinander der zwei
Diskurse, des bewussten und des unbewussten, entspricht.
Eine besondere Form des Hin- und
Herspielens zwischen bewusstem und unbewusstem Diskurs findet sich
dort, wo - ab und zu jedenfalls - auch dem Protagonisten, nachdem er
einen Gedanken gefasst oder etwas gesagt hat, nachträglich selber
bewusst wird, dass ihm da aus unbekannten Gründen etwas
Unkontrolliertes unterlaufen ist. So sagt K. z.B. - noch auf der ersten
Seite - zu dem Schwarzgekleideten:
"Ich will doch sehen, was für
Leute im Nebenzimmer sind [...]",
und er weiß sogleich,
"dass er das nicht hätte laut
sagen müssen und dass er dadurch gewissermaßen ein
Beaufsichtigungsrecht des Fremden anerkannte".
Als er später von den Wächtern
dazu angetrieben wird, zum Verhör in Fräulein Bürstners
Zimmer ausgerechnet seinen "schwarzen Rock" anzuziehen (S. 13),
versucht sich K. zunächst zu sträuben -
"er wusste selbst nicht, in welchem
Sinne er es sagte -: 'Es ist doch noch nicht die Hauptverhandlung.'"
(S. 14)
Auf einer unbewussten Ebene seines Inneren
antizipiert er offensichtlich schon das unausweichliche,
tödlich-schwarze Ende des Prozesses, obwohl er an der
Oberfläche seiner Äußerungen noch nicht einmal dessen
Beginn akzeptiert hat. Noch aufschlussreicher ist eine andere
gedankliche Fehlleistung, die er zwar selber bemerkt, deren Sinn er
aber nicht versteht: Vor dem Verhör für kurze Zeit in seinem
Zimmer alleingelassen, wundert sich K. über diese scheinbare
Großzügigkeit der Wächter,
"wenigstens aus dem Gedankengang der
Wächter wunderte es ihn, [...] wo er doch zehnfache
Möglichkeit hatte, sich umzubringen. Gleichzeitig allerdings
fragte er sich, diesmal aus seinem Gedankengang, was für einen
Grund er haben könnte, es zu tun. [...] Es wäre so sinnlos
gewesen, sich umzubringen, dass er, selbst wenn er es hätte tun
wollen, infolge der Sinnlosigkeit nicht dazu imstande gewesen
wäre." (S. 13)
(D) Der unableitbare Gedanke der
Selbstbestrafung
Wieso entsteht in Josef K. plötzlich,
gerade in einer Ruhepause nach dem Schrecken der "Verhaftung", der
Gedanke an Selbstmord? Und was bedeutet dieser Gedanke? Diese Fragen
gehören zu den für die Deutung des Romans entscheidenden
Fragen. Das Verhalten und die Äußerungen der
Wächter bisher haben nicht den geringsten Anlass zu dem
Gedanken an Selbstmord gegeben, eine solche extensive Überlegung
kann nur aus
K.s eigenem Inneren auftauchen - als ihm unbewusste Zumutung an
sich selbst, sich umzubringen. Sein Zimmer ist wohl für ihn
hier der gleiche Ort wie später in dem Traum vom eigenen Tod - in
dem unter die Erzählungen eingereihten Text "Ein Traum" - [wie
dort also] das Grab, in das er sich schließlich freiwillig
hineinlegt, um zu sterben. Erst an der Stätte der realen
Hinrichtung (im zehnten, letzten Kapitel) gelangt der unbewusste
Selbstmord-Wunsch als solcher an die Oberfläche des Bewusstseins,
als er das Messer-Zeremoniell des Hinrichtungs-Duos als Aufforderung
zum Selbstmord empfindet, als "seine Pflicht", "das Messer, als es von
Hand zu Hand über ihm schwebte, selbst zu fassen und sich
einzubohren". Während er früher dieser "Pflicht" verwehrt
hat, aus dem Unbewussten überhaupt ins Bewusstsein vorzudringen,
weigert er sich zum Schluss, das "Pflicht"-Bewusstsein in die Tat
umzusetzen - anders als er es geträumt hat, anders auch, als es in
der Erzählung "Das Urteil" der Sohn Georg Bendemann nach dem
Urteilsspruch seines Vaters ("Ich verurteile dich jetzt zum Tode des
Ertrinkens") tut. Bei Josef K. steht am Schluss wieder "die Scham" -
das Schuld-Bewusstsein, von Anfang an das angeblich oder wirklich
selbstverschuldete Todesurteil über die eigene Existenz nicht
vollzogen, die Todes-"Pflicht" nicht erkannt zu haben.
Es bleibt also die Frage nach der Herkunft
eines Schuldbewusstseins, das so eminent ist, dass ihm nicht irgendeine
Strafe, sondern nur die Todesstrafe adäquat zu sein scheint. Bevor
da weitere Klärungen möglich sind, möchte ich kurz die
angedeuteten Inhalte der von Josef K. verdrängten und indirekt an
die Oberfläche geratenden Vorstellungen zusammenfassen: K.
verdrängt
1. ein diffuses Schuldgefühl,
2a) jedenfalls ein inneres
Einverständnis mit von außen kommender künftiger
Bestrafung,
2b) vielleicht auch einen von innen
kommenden (dann ja wohl masochistischen) Wunsch nach Bestrafung,
3. ein tiefsitzendes "Wissen" um seine
eigentliche, ihm auferlegte "Pflicht" zur Selbstbestrafung,
4. die Ahnung, dass nur die Todesstrafe
die adäquate Strafe sein kann, entweder durch Hinrichtung oder
durch Selbstmord,
5. eine Ahnung von der schicksalhaften
Unausweichlichkeit der Bestrafung, des Urteils. So gesteht er mit dem
in erlebter Rede mitgeteilten Gedanken "Noch war er frei" (S. 10,
Beginn 2. Abs.) die Zwangsläufigkeit seiner künftigen
Unfreiheit ein, und auch dort, wo er die Möglichkeit zu einem
Rückzug in sein Zimmer einem Ausbruchsversuch vorzieht und dies
dann (S. 12, Ende 2. Abs.) so ausdrückt, er ziehe damit "die
Sicherheit der Lösung vor, wie sie der natürliche Verlauf
bringen musste", dann geht es um ein tiefes Wissen um die
Zwangsläufigkeit der Reihenfolge Verhaftung - Prozess - Urteil -
Aburteilung.
Dass es in all den gedanklichen und
sprachlichen "Fehlleistungen" und Selbstwidersprüchen Josef K.s
wirklich um Leben und Tod geht, wird deutlich, wenn er es - ohne zu
wissen, was er da tut - für nötig hält, für die
dubiosen Vertreter einer dubiosen Behörde mit viel Mühe, nach
der nicht beglaubigungskräftigen "Radfahrerlegitimation",
ausgerechnet seinen "Geburtsschein" herauszukramen (S. 10), also an
seinem 30. Geburtstag - an diesem Tag setzt die Handlung ja ein! - die
durch die Tatsache der einstmaligen Geburt beglaubigte Legitimität
der heutigen Existenz unter Beweis zu stellen.
(E) Allegorese: Die
Selbstinszenierung von Geburt und Tod - von Geburt als Tod
Eine wohl noch tieferliegende psychische
Dimension gelangt in K.s Handeln zwischen Verhaftung und Verhör an
die Oberfläche, wiederum in der Rückzugssituation in seinem
Zimmer, die auch den Selbstmord-Gedanken evoziert. Es heißt:
"Er warf sich auf sein Bett und nahm
vom Waschtisch***
einen schönen Apfel, den er sich gestern abend
für das Frühstück vorbereitet hatte." (S. 12)
Hier werden zwei traditionelle Metaphern
miteinander kombiniert:
"Waschtisch", im Textzusammenhang auf der
denotativen Bedeutungsebene ein Gegenstand, bestimmt für die
vorabendliche Waschung, die - metaphorisch-konnotierend
ausgedrückt - einen alten, abgelebten, schmutzigmachenden Tag
beendet hat, und für die morgendliche Waschung, die einen neuen,
frischen, "bei Null" anfangenden Tag einleiten soll;
"Apfel", auf der denotativen
Bedeutungsebene bestimmt für das morgendliche Frühstück,
das einen neuen Tag physisch ermöglichen soll.
Als Konnotationen dieser
Metaphernkombination stellen sich im Kopf des aufmerksamen Lesers im
Zusammenhang der Thematik der verdrängten Schuldgefühle
einerseits und im Zusammenhang des Geburts- und Geburtstags-Motivs
andererseits notwendigerweise die Bedeutungen
"Reinigung/Katharsis" und "Neubeginn/Lebensneubeginn"
ein. Darüberhinaus dringt hier aber auch die Ebene eines in
bestimmter Weise kollektiven Unbewussten an die Oberfläche, die
die Interpretation zur Allegorese werden lässt, nämlich die
im jüdisch-christlichen Über-Ich tief verankerte Bearbeitung
der menschlichen Schuldproblematik mit Hilfe des biblischen
Sündenfall-Mythos (im Apfel-Motiv) und der spezifisch christlichen
Tauf-Symbolik (im Geburts- und im Wasch-,/Reinigungs-Motiv, das mit dem
Apfel-Sündenfall-Motiv gekoppelt ist).***
Die ältere Kafka-Forschung hat sich
sehr eifrig des Verfahrens der Allegorese bedient, mit Ergebnissen, die
sich untereinander gewissermaßen neutralisieren, da sich - wie
u.a. Horst Steinmetz in seinem Buch "Suspensive Interpretation. Am
Beispiel Franz Kafkas" (Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht]
1977) kritisch darlegt - in den Interpretationen fast ausnahmslos die
jeweiligen "Weltmodelle" der Interpreten genau spiegeln (S. 29).
Dagegen hat sich dann, klug geworden durch das Wissen der neueren
Rezeptionspsychologie, eine jüngere Generation der
Kafka-Interpreten gewandt, die für Zurückhaltung, eben
"Suspension", plädieren, die dann aber - wie ich meine - zu weit
gehen, wenn sie aus der unzweifelhaft "besonders festen Kodierung der
[Kafka-]Texte" eine "hermetische Geschlossenheit gegenüber allen
nichtliterarischen und traditionellen literarischen Kodes" machen (S.
61). Denn mittlerweile hat die Kafka-Forschung - gerade auch eine
positivistisch arbeitende - einen solchen Stand der Genauigkeit des
Wissens um die Kafkasche Semantik und ihre literarischen,
philosophischen und theologischen und v.a. ihre biographischen
Voraussetzungen erreicht, dass es möglich ist, innerhalb eines
ziemlich genau bestimmbaren Rahmens der Unbestimmtheit zu eruieren,
welche Konnotationen z.B. in der Apfel-Metapher wirklich mitgemeint
sind. Die Kafka-Forschung weiß seit einiger Zeit um die Gefahr
der Verabsolutierung eines bestimmten Deutungsansatzes, scheut aber
nicht angesichts der "Unbestimmtheiten" vor Bestimmtheit zurück.
Ich denke da vor allem an die ausgezeichneten, sehr unterschiedlichen
Arbeiten von Gerhard Kurz "Traum-Schrecken. Kafkas literarische
Existenzanalyse" (1980) und von Hans Helmut Hiebel "Die Zeichen des
Gesetzes. Recht und Macht bei Kafka" (1983, 2. Aufl. 1989).
Ich kehre zurück zu den Beobachtungen
und exemplarisch gemeinten Deutungsversuchen zum ersten Kapitel des
Romans: Josef K. - heißt es dort also -
"warf sich auf sein Bett und nahm vom
Waschtisch einen schönen Apfel, den er sich gestern abend für
das Frühstück vorbereitet hatte".
Von entscheidender Bedeutung scheint mir
an dieser Stelle der Sachverhalt zu sein, dass die hochbedeutsame
Kombination von Waschgelegenheit und Apfel von Josef K. am Vorabend
"vorbereitet", also mehr oder weniger bewusst arrangiert worden ist, in
ebenfalls mehr oder weniger bewusster Berücksichtigung des 30.
Geburtstags am nächsten Tag. Das heißt, im Kontext der
bereits festgestellten Verdrängung des Schuldgefühls:
Unbewusst inszeniert Josef K. den Tag
seiner Geburt (bzw. dessen 30. Wiederkehr) als einen Tag, an dem es um
die Reinigung seines Schuldgefühls und um eine Neugeburt gehen
soll - worum es dann auch auf den Tag genau ein Jahr später an
seinem 31. Geburtstag, dem Tag seines Todes, wiederum gehen soll und ja
vielleicht auch geht, wenn der Tod, verstanden als Todes-"Strafe"
für das, was das Schuldgefühl verursacht hat, die einzige
Möglichkeit einer Katharsis und einer - natürlich dann
paradoxen - "Neugeburt" ist - darauf komme ich später zurück.
So lässt sich sagen: Josef K. initiiert und inszeniert letztlich
selber, aus eigenem Antrieb, am Vorabend seines 30. Geburtstags und, in
Ausführung des Geplanten, vom ersten Augenblick des Erwachens an
mit jeder einzelnen Handlung den Prozess, das Spiel seiner Geburt und
seines Todes.
(F) Erkenntnis - Sündenfall -
Verdrängung
Das Motiv des Apfels ist in seiner
Bedeutung noch nicht ausgeschöpft:
Josef K. inszeniert mit dem Essen des
Apfels nicht nur den Wunsch nach Reinigung und Neuanfang. "Katharsis"
könnte ein bloß magischer Vorgang sein, aber in K. entsteht
darüberhinaus auch der Wunsch nach Bewusstheit, nach Erkenntnis,
denn auf die "Erkenntnis des Guten und Bösen" läuft das Essen
des Apfels nach mythischem Verständnis ja hinaus, und eben weil es
im Apfelessen allegorisch um Erkenntnis geht, taucht im Bewusstsein
K.s, als er allein in seinem Zimmer ist (P 12/13), der Gedanke des
Selbstmords und der möglichen Bereitschaft dazu auf. Darauf ist er
zu Beginn "hungrig" gewesen, davor hat er aber auch Angst gehabt, als
die Köchin mit dem gewöhnlichen Frühstück nicht
erschien, denn nun konnte er nicht mehr umhin, das "vorbereitete"
Apfel-Frühstück der Erkenntnis zu sich zu nehmen. Der Grund
aber für die Angst liegt vor allem in der Tatsache, dass die mit
dem Apfel gegebene Erkenntnis des Guten und Bösen - wiederum dem
Mythos entsprechend - auch identisch mit dem "Sündenfall" ist, der
hier wohl zunächst verstanden werden kann als Bewusstwerden der
"Sünde", d.h. des latenten Schuldgefühls und der
Strafwürdigkeit.
Der Inhalt von Josef K.s entscheidender
Erkenntnis mag so formuliert werden: "Über mich, mein Leben
ist das Todesurteil gesprochen." Josef K. selber jedoch formuliert
seine grundlegende Erkenntnis allerdings anders:
1. Zunächst schiebt er sie
unmittelbar - wie er sich sagt - "dem Gedankengang der Wächter"
zu; damit distanziert er sich aber von ihr.
2. Er benutzt sie nicht wirklich als
Erkenntnis, setzt sich nicht mit ihrem möglichen Inhalt und Sinn
auseinander, sondern behauptet gleich ihren Un-Sinn, ihre
"Sinnlosigkeit" .
Vor allem aber deutet er sie 3., als sie
in seinem Bewusstsein auftaucht, als die Idee, er habe die "zehnfache
Möglichkeit", "sich umzubringen" (S. 13), er setzt sie also
großspurig als Profilierungsmöglichkeit gegenüber den
Wächtern ein, wenn auch nur in Gedanken. Dabei frischt er nicht
nur, in einer Reaktion der selbstverständlichen Schwäche des
Opfers von Gewaltanwendung, sein angeschlagenes Selbstbewusstsein auf,
er betreibt auch eindeutig - wie später immer wieder, am
problematischsten wohl gegenüber dem anderen Opfer der Macht, dem
Kaufmann Block - Überkompensation.
Das heißt: In einem Verhalten, das
der ausschließlichen Besorgtheit um das Ich entspringt,
einerseits der Ich-Schwäche, andererseits der Angst, verschenkt
Josef K. die eigentlich in ihm aufgetauchte Erkenntnis, die Chance,
sich bewusst zu einem Handeln zu entscheiden, das der Erkenntnis
entspräche. Hier scheint nun also doch so etwas wie eine "echte"
"Sünde" vorzuliegen. Kafka schreibt im dritten Oktavheft zum Thema
der menschlichen "Fähigkeit zur Erkenntnis des Guten und
Bösen" "seit dem Sündenfall":
"Niemand kann sich mit der Erkenntnis
allein begnügen, sondern muss sich bestreben, ihr gemäß
zu handeln. Dazu aber ist ihm die Kraft nicht mitgegeben [...]." (H 76)
Unter ihrem Inhaltsaspekt ist die
Erkenntnis des Guten und Bösen, so scheint es, "Stufe zum [neuen]
Leben", unter ihrem Beziehungs-, ihrem Ich-Aspekt jedoch eher
"Hindernis vor ihm" (H 78 [=Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und
andere Prosa aus dem Nachlass, hg. von Max Brod, New York/Frankfurt am
Main 1953]).
(G) Macht = Recht / Ich-Schwäche
und Ich-Spaltung
Nach wie vor ist die Frage nicht
beantwortet, welches die möglichen Ursachen dafür sein
mögen, dass Josef K. derart starke Schuldgefühle hegt, dass
er die in ihm aufdämmernde Erkenntnis eines notwendigen und
möglichen Neuanfangs nach der Katharsis als Notwendigkeit des
Selbstmords interpretiert und diese Erkenntnis dann aus Angst sofort
wieder wegrationalisiert. Der Roman beantwortet diese Frage bis zum
Schluss nicht, und es ist wichtig, diese quälende Offenheit als
solche festzustellen und nicht wegzudeuten. Der Leser soll wohl
darunter leiden. Dennoch bin ich der Meinung, dass ich meine
Schülerinnen und Schüler bei einer so gewichtigen Frage
nicht, jedenfalls nicht nur, in Offenheit und Unbestimmtheit hinein
entlassen sollte, vor allem deshalb nicht, weil ich selber ja auch
nicht darin verharren, sondern die Qual der Unbestimmtheit
auflösen möchte.
Daher gehe ich methodisch einen Schritt
weiter und beziehe, um das Verständnis des Romans zu erweitern,
einen autobiographischen Text Kafkas mit ein: Kafkas "Brief an den
Vater", den der 36jährige nach seiner dritten missglückten
Verlobung verfasst hat, ohne dafür zu sorgen, dass der Brief den
Adressaten, seinen eigenen Vater, auch wirklich erreicht hat, ist ein
wirklich erschütterndes Dokument für die schrecklichen,
lebenslang untilgbaren, auf psychosomatischem Wege - nach Kafkas
eigenem Verständnis - letztlich tödlichen Schuldgefühle,
die die bürgerliche Autoritätsinstanz "Vater" in einem Kind
bei sog. "besten Absichten" erzeugen kann - mit dem "Erfolg", dass
dieses Kind noch als Erwachsener den Vater exkulpiert und sich selber
zwar ebenfalls keiner Schuld bezichtigt, damit aber das unausrottbare
Schuldgefühl nicht loswird.
Im "Brief an den Vater" berichtet Kafka:
"Ich winselte einmal in der Nacht
immerfort um Wasser, gewiss nicht aus Durst, sondern wahrscheinlich
teils um zu ärgern, teils um mich zu unterhalten. Nachdem einige
starke Drohungen nicht geholfen hatten, nahmst Du [Vater] mich aus dem
Bett, trugst mich auf die Pawlatsche [den Balkon] und ließest
mich allein dort vor der geschlossenen Tür ein Weilchen im Hemd
stehn. [...] Ich war damals nachher wohl schon folgsam, aber ich hatte
einen inneren Schaden davon. Das für mich Selbstverständliche
des sinnlosen Ums-Wasser-Bittens und das außerordentlich
Schreckliche des Hinausgetragenwerdens konnte ich meiner Natur nach
niemals in die richtige Verbindung bringen. Noch nach Jahren litt ich
unter der quälenden Vorstellung, dass der riesige Mann, mein
Vater, die letzte Instanz, fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht
aus dem Bett auf die Pawlatsche tragen konnte und dass ich also ein
solches Nichts für ihn war." (H 122 f.)
Ich kommentiere kurz: Der Prozess bricht
urplötzlich über das kleine Kind herein, "fast ohne Grund",
"die letzte Instanz" übt einfach ihre absolut erscheinende Macht
aus. Recht ist, was die Machtinstanz sagt und tut. Sie erwartet: "Sei
souverän wie wir Erwachsenen, mach in der Nacht keinen Lärm!"
In der "Natur" des Kindes - Kafka sagt an anderer Stelle: in seiner
"Eigentümlichkeit", seinem eigenen "Material" - ist ein anderes
Begehren, eine andere Interessenrichtung angelegt, die erwachsen und
souverän werden könnte, die aber von der "Macht =
Recht-Instanz" völlig verworfen wird. Die Folge ist "dieses
mich oft beherrschende Gefühl der Nichtigkeit" (H 123) und ein
entsetzliches Schuldgefühl.
An anderer Stelle spricht Kafka in diesem
Brief von der "geistigen Oberherrschaft" des Vaters in der Familie:
"Du hattest Dich allein durch eigene
Kraft so hoch hinaufgearbeitet, infolgedessen hattest Du
unbeschränktes Vertrauen zu Deiner Meinung. [...] In Deinem
Lehnstuhl regiertest Du die Welt. Deine Meinung war richtig, jede
andere war verrückt, überspannt, meschugge, nicht normal."
(S. 124) "Das Schimpfen verstärktest Du mit Drohen [...].
Schrecklich war mir zum Beispiel dieses: >>ich zerreiße
Dich wie einen Fisch<<, trotzdem ich ja wusste, dass dem nichts
Schlimmeres nachfolgte (als kleines Kind wusste ich das allerdings
nicht), aber es entsprach fast meinen Vorstellungen von Deiner Macht,
dass Du auch das imstande gewesen wärest. Schrecklich war es auch,
wenn Du schreiend um den Tisch herumliefst, um einen zu fassen,
offenbar gar nicht fassen wolltest, aber doch so tatest und die Mutter
einen schließlich rettete. Wieder hatte man einmal, so schien es
dem Kind, das Leben durch Deine Gnade behalten und trug es als Dein
unverdientes Geschenk weiter." (H 129 f.)
Ich kommentiere wieder: Das ist ein
Modellfall für double bind, für die in der Psychiatrie sog.
"Doppelbindung", dieses paradoxe, zu psychotischen Störungen
führende Erziehungsverhalten: Im gleichen Atemzug "Ich
zerreiße dich" und "Ich begnadige dich", Standgericht und
Begnadigung, beim Opfer im gleichen Empfindungsmoment Todesangst und
grenzenlose Bewunderung für den Verursacher der Todesangst, diesen
souveränen Menschen, der sich wirklich "durch eigene Kraft so hoch
hinaufgearbeitet hat" und nun von dieser "Höhe" aus verhindert,
dass ein anderer sich auf seine Weise "hinaufarbeiten" kann. Die Folge
sind Ich-Spaltung und Ich-Schwäche ebenso wie masochistisches oder
auch sadistisches Verhalten - wieweit beim Menschen Kafka, das kann uns
jetzt hier nicht interessieren.
Ich denke, die beiden etwas längeren
Zitate aus dem "Brief an den Vater" waren sinnvoll, weil sie ein Modell
liefern für das aus dem Roman selber nicht verstehbare Verhalten
des Josef K. im "Prozess"-Roman: Da will einer endlich, an seinem 30.
Geburtstag,
- einen Neuanfang machen, das heißt:
- aus einer unbewussten Regung heraus das tun, wozu er seit seiner
Geburt die Legitimation hat: souverän werden,
- aus "Es" "Ich" machen,
- seine "Natur", seine "Eigentümlichkeit", sein "Material" zur
Entfaltung bringen,
- das Begehren, den fundamentalen Willen zum Leben in die Realität
umsetzen,
- zur Erkenntnis der Wahrheit seines Lebens kommen,
- zusammenfassend, philosophisch ausgedrückt: sich als Subjekt
konstituieren.
Aber eine andere, der ersten völlig
zuwiderlaufende Regung des gleichen Unbewussten veranlasst ihn, das
Autonomiestreben absolut zu verurteilen und unmittelbar mit der
Todesstrafe zu ahnden - zwar, wie sich zum Schluss (P 194)
herausstellt, nicht als "Fisch zerrissen", aber als "Hund" abgestochen
zu werden. Das schwache Ich reagiert am Morgen des Geburtstags auf
beide sich gegenseitig ausschließende Regungen und inszeniert -
in seinem notwendigerweise gespaltenen Zustand - zwei einander
entgegengesetzte Spiele, die sich aber gegenseitig voraussetzen - und
nun entscheidet die Reihenfolge über alles Weitere: Als erstes
beginnt natürlich, der "Macht = Recht"-Instanz gehorchend, die
Prozess-Tragödie mit der Katastrophe am Schluss und der
"Verhaftung" gleich in der ersten Szene - dies, obwohl der
"Sündenfall", um dessen Bestrafung es gehen wird, noch gar nicht
stattgefunden hat, sondern nur "vorbereitet", geplant ist.
Bezeichnenderweise erst als zweites Spiel darf das beginnen, was als
"Komödie" ablaufen sollte, aber in seinem ursprünglichen Sinn
jetzt nicht mehr gestattet ist; das "Komödiantische" besteht nun
vielmehr darin, dass sich das souverän sein wollende "Subjekt",
dessen Geburt eigentlich gefeiert werden soll, wie es im Grunde
weiß: auf aussichtslosem Posten gegen den tödlich gemeinten
Überfall zur Wehr setzt und sich dabei, in defensiver
Ich-Schwäche, vor den Repräsentanten der Macht und leider
auch vor sich selbst "meschugge" aufführt und lächerlich
macht. Kein Wunder, dass sich letztlich dann die Tragödie
durchsetzt.
(H) Die Handlung: Traum-Projektion
oder äußere Realität
Eine entscheidende Frage für das
Verständnis des "Prozess"-Romans: Wenn Josef K., auf der Basis
seiner der Romanhandlung vorausliegenden Sozialisation, das Spiel der
Macht von Anfang an wirklich selber inszeniert, als
paradox-masochistische Selbstbestrafung, haben dann nicht alle mit dem
Gericht zusammenhängenden Phänomene lediglich Scheincharakter
- und "es gehört ja alles zum Gericht", wie es später
heißt?
Es könnte ja sein: Am Morgen seines
30. Geburtstags "erwacht" Josef K. dann nicht aus dem Schlaf ins
Tagesleben, sondern - wenn man an Kafkas durchwachte, durchschriebene
Nächte denkt - aus einem bewusst-unbewussten "Nachtleben" in einen
nun wirklich unbewussten Tagtraum, der den ganzen Roman über
andauert. Für eine solche Auffassung spricht die Tatsache, dass
Josef K. die Handlung des Romans vom Bett, vom Ort des Schlafs,
genauer: vom "Kopfkissen", also vom Ort des Träumens aus
ein-"läutet", mit dem Ergebnis, dass er dann eine "Erscheinung",
eine Vision also, hat.
Es könnte auch sein, dass das
Romangeschehen zu deuten wäre als eine halbwache Projektion von
Trauminhalten in die Außenwelt, deren äußere,
eigenständige Existenz der Protagonist und nur er für wahr
hält. Diese Auffassung kann sich auf die Perspektivik des Romans,
die "Einsinnigkeit" des Erzählens berufen, von der anfangs die
Rede war. Und offensichtlich entspricht ja der gesamte Prozessverlauf,
das auf paradoxe Weise doppelte Spiel, genau der inneren Organisation
des Protagonisten; schon die drei Figuren-Triaden im ersten Kapitel
erscheinen - wie Interpreten bemerkt haben - als unbewusste, jeweils
dreifache Projektionen des Unbewussten, die drei alten Beobachter im
gegenüberliegenden Haus als Verkörperungen der quälenden
Selbstbeobachtung Josef K.s, die drei Verhaftungsbeamten als
Realisationen der Selbstverurteilung, die drei Bankbeamten als Ausdruck
dessen, dass K. sein unbewusstes Schuldgefühl auch auf sein
Berufsleben in der Bank übertragen wird.
Es könnte so sein, es mag in der
Schwebe bleiben. Aber eindeutig ist, dass der Erzähler nicht
bloße Träume erzählt, Halluzinationen oder Projektionen
des Josef K., sondern tödlich ängstigende und tödlich
wirkende Wirklichkeit. Er lässt keinen Zweifel daran, dass alles,
bis zur Hinrichtung durch das Fleischermesser, authentische,
"realistisch" begegnende Wirklichkeit ist und alle Personen ihre eigene
Existenz in der realen Außenwelt haben. Bei aller Unbestimmtheit
und Phantastik, bei aller Surrealität einzelner Szenen, z.B. der
Prüglerszene in der Rumpelkammer der Bank, ist das "Gericht"
dargestellt als eine im Rahmen der alltäglichen Außenwelt
existierende totalitäre Macht, der auf der Handlungsebene des
Romans immer die eigentliche, erschreckenmachende Initiativkraft
eignet, und Josef K. ist ihr Opfer.
Dieser Befund ist für die
Interpretation sehr wichtig, denn, würde sich der Prozess des
Josef K. letztlich nur in seinem Inneren abspielen, der Roman nur ein
Traumgeschehen oder das Ergebnis einer Projektion wiedergeben, so
wäre kaum eine im weitesten Sinne politische Deutung plausibel,
die also z.B. - wie ich meine, zu Recht - aus ihm das Entsetzen
über die totalitären Machtstrukturen in der modernen
Gesellschaft herausliest, das Entsetzen über brutale
Machtausübung durch den Staat oder über autoritäre
Strukturen in gesellschaftlichen Institutionen oder ausgehend von
gesellschaftlichen Institutionen - Kafkas Beispiel ist die "Bank" -,
und natürlich über die Institution der bürgerlichen
Familie, über Sozialisation als Herrschaftsausübung.
(I) Die Omnipräsenz der "Macht
= Recht" - Struktur
Es ist nun allerdings sehr interessant und
hochbedeutsam für die Interpretation des "Prozess"-Romans, dass
hier die Thematik der "Familie" explizit nur am Rande zur Sprache kommt
- im Unterschied zu den beiden großen Erzählungen "Das
Urteil" und "Die Verwandlung", die 1912, zwei Jahre vor dem "Prozess",
Kafkas Geburt als Schriftsteller bedeuteten und im Zusammenhang der
gesellschaftlichen Instanz "Familie" das unauflösliche
Ineinander-Verschränktsein von Macht und Recht, das notwendige
Umkippen der Selbst-Konstitution in Selbst-Zerstörung
thematisieren. Ich bin zwar der Meinung, dass ein adäquates
Verständnis des "Prozess"-Romans nur möglich ist vor dem
Hintergrund der Familien- und Sozialisations-Thematik. Aber gerade,
wenn diese Auffassung richtig ist, muss klargelegt werden, dass die
Handlungsstruktur des "Prozess"-Romans auf etwas anderes
hinausläuft:
Kafka nimmt gegenüber der
Erzählung "Das Urteil" im Roman zwei entscheidende Änderungen
vor:
1. Er besetzt die Position
"Gerichtsinstanz", die im "Urteil" eindeutig eine Person, nämlich
der Vater, innehat, nicht mit einer Person, sondern mit einer
Institution.
1a) Diese Institution ist anonym, wirkt aus der Verborgenheit heraus.
1b) Sie ist daher nicht sicher identifizierbar, ist vor allem fern und
unerreichbar.
1c) Stattdessen ist sie in eine Unzahl niederer Organe diffundiert,
tritt in Gestalt vieler kleiner Beamter in Erscheinung, die - wie sich
herausstellt - an allen Orten der Lebenswelt verborgen sind und dann
plötzlich auftauchen können ("Gerichtskanzleien sind doch
fast auf jedem Dachboden", sagt der Maler Titorelli [S. 141]).
1d) Letztlich "gehört alles zum Gericht", d.h. die ganze
Lebenswelt hat Gerichtscharakter.
1e) Eigentlich alle Mitglieder der Gesellschaft wissen von der
Gerichtsinstanz, scheinbar nur der Protagonist nicht.
1f) Nicht nur der Protagonist, sondern auch andere, wahrscheinlich
sogar sehr viele, wenn nicht alle, sind in einen Prozess verwickelt.
Das heißt für die
Interpretation:
Offensichtlich geht es Kafka mit dieser Änderung gegenüber
den früheren Erzählungen darum, gerade die Omnipräsenz
der "Macht = Recht"-Struktur in allen Lebens-Prozessen aufzuzeigen, die
systembestimmende, strukturelle Bedeutung des
Herr-Knecht-Verhältnisses, des Kampfes der Ich-Verabsolutierung
bzw. Ich-Zerstörung - mit der Formel Nietzsches, den Kafka wie die
anderen jungen Intellektuellen seiner Zeit schon als Gymnasiast gelesen
hat - der Formel des Willens zur Macht, des unersättlichen
Willens, der Leben überhaupt ausmacht. Literatur ist "Beschreibung
eines Kampfes" - so lautet der Titel einer frühen Erzählung
Kafkas -, und auf dem Porträt, das der Maler Titorelli von einem
Untersuchungsrichter angefertigt hat, ist die "Göttin der
Gerechtigkeit" auch "die Siegesgöttin in einem" und sieht dann
sogar "vollkommen wie die Göttin der Jagd" aus (P 126): Recht =
Macht = Verfolgung ("Hetze" heißt es später im Roman) und =
Unterwerfung!
(J) Die Verweigerung der
Aufklärung
2. Die zweite strukturelle
Veränderung des Handlungs-Arrangements im "Prozess" gegenüber
dem "Urteil" ist ebenso grundlegend wie die erste: Der Erzähler
verweigert dem Leser radikal die Genese des Falles, der in dem
einjährigen Prozess behandelt wird. Er könnte ja die
Vorgeschichte des Prozesses, vielleicht Josef K.s traurige oder
entsetzliche Kindheit, der eigenen Kindheit des Autors vergleichbar,
erzählen, nicht im auktorialen Verfahren der expliziten
Rückblende, sondern in der personalen Erzählhaltung durch
Wiedergabe der Reflexionen des sich vor sich selbst rechtfertigenden
Protagonisten. Aber ein solches Psychologisieren - denn darauf liefe
das Verfahren ja hinaus - wird strikt vermieden, und zwar dadurch, dass
der Protagonist, dessen Perspektive ja nicht überschritten wird,
selber die rückwärtsgewandte Erkenntnis- und Analyse-Leistung
nicht aufbringt. An sich befindet sich Josef K. ja am Ausgangspunkt der
Romanhandlung in der klassischen Situation des Ödipus, der sich
einer unerbittlichen Selbstanalyse unterzieht, bis zu dem Punkt, der
seinen eigenen Untergang bedeutet. Die Figur des Josef K. steht zwar
noch in der Tradition der aufklärerischen kritischen
Selbstreflexion des Ich, gleich der erste Satz seiner Gedankenrede -
der erste Satz des Romans - zeigt eine auf die Vergangenheit, die
eigene Vorgeschichte gerichtete Aufklärungs-Anstrengung - aber
bereits mit ihrem Einsetzen kippt Aufklärung in Verschleierung um.
Stattdessen steht Josef K. völlig im Banne der Initiativen des
Gerichts, ja, er begibt sich immer weiter hinein in den Bannkreis der
Macht, trotz aller damit verbundenen Angst. Zu Beginn des Siebten
Kapitels hat er zwar noch die besten Aufklärungs-Absichten, als er
über die Zweckmäßigkeit einer selbsterstellten
"Verteidigungsschrift" für das Gericht nachdenkt:
"Er wollte darin eine kurze
Lebensbeschreibung vorlegen und bei jedem irgendwie wichtigeren
Ereignis erklären, aus welchen Gründen er so gehandelt hatte,
ob diese Handlungsweise nach seinem gegenwärtigen Urteil zu
verwerfen oder zu billigen war und welche Gründe er für
dieses oder jenes anführen konnte." (P 98)
Ein wahrhaft radikales rationalistisches
Analyse-Programm - es bleibt jedoch bei dem Vorsatz Josef K.s, diese
Gehirnwäsche durchzuführen - nicht mit einem einzigen
Gedanken macht er den Anfang. Nicht Rechtfertigung, sondern
kämpferische Verteidigung hat er im Sinn.
Was da "Prozess" genannt wird, das
entsteht also überhaupt erst, ohne konkreten Rückbezug auf
früher gelebtes und allmählich analytisch aufgearbeitetes
Leben, als das Leben, als der Lebensprozess des Josef K. in dem einen
exemplarischen Jahr zwischen den beiden Geburtstagen. Der Prozess dreht
sich um kein anderes Material als das, das K. selber in diesem Jahr als
Prozess vor dem Gericht anhäuft. Leben hat auf diese Weise keinen
Sinn in sich selbst.
Es ist klar, dass eine solche
Handlungskonzeption eine teleologische Struktur des Romans wie z.B. im
klassischen Bildungsroman, eine wirkliche Entwicklung von einem Anfang
zu einem Ende hin und damit auch eine Lektüre-Spannung, nicht
zulässt, und es ist auch nur konsequent, wenn ein Roman-Fragment
entsteht.
Die dargelegte Verweigerung aller
psychologisch-analytischen Elemente, trotz der gerade in besonderem
Maße nach Analyse und Erklärung verlangenden
Widersprüchlichkeit im Verhalten und Denken des Protagonisten, hat
weitere gewichtige Konsequenzen: Mit dem Fehlen einer Vorgeschichte
fehlt der Figur des Protagonisten auch alles lebensgeschichtlich
Besondere, alles Singuläre. Das macht Josef K. zum "Mann ohne
Eigenschaften". Die Profillosigkeit macht ihn aber auch zu einer
parabolischen, allegorisch zu deutenden Figur: Josef K. steht für
den Menschen, der dem unabänderlichen Schicksal der
Todesverfallenheit unterworfen ist. Dieses Schicksal ist aus
lebensgeschichtlichen und gesellschaftsgeschichtlichen Bedingtheiten
herausgelöst, es ist, unableitbar, da, am 30. oder 31. Geburtstag
des Josef K. wie bereits bei seiner Geburt. Das familiäre
Vater-Sohn-Verhältnis ebenso wie gesellschaftliche
Herr-Knecht-Verhältnisse geben nur Modelle ab für eine
ontologische Gegebenheit. Leben ist für Kafka Sein, Verurteiltsein
zum Tode.
Damit, dass das Verurteiltsein zum Tode
als ontologische Gegebenheit gilt, ist für Kafka gleichzeitig
gesagt, dass es keine moralisch relevante Gegebenheit ist. Das mit dem
Verurteiltsein verbundene Schuldgefühl lässt weder gegen sich
selbst gerichtete Schuldvorwürfe zu - Josef K. hat recht: "Es gab
keine Schuld" (P 109) - noch solche, die gegen andere, einzelne
Personen oder Institutionen wie das Gericht oder die Bank gerichtet
sind. Eine "Freisprechung" Josef K.s ist nicht wegen einer moralischen
Schuld, sondern grundsätzlich unmöglich - "einen solchen
Prozess haben, heißt ihn schon verloren haben", weiß der
Onkel (P 85).
"Sündig ist der Stand, in dem wir
uns befinden, unabhängig von Schuld." (H 74)
So steht es in den Aphorismen der
Oktav-Hefte aus der Zürauer Zeit, und es ist wichtig, diesen
Begriff der "Sünde" bei Kafka nicht falsch zu verstehen: Wenn
Kafka immer wieder von "Sünde" und "Sündenfall" redet,
benutzt er die Begriffe als mythologische Zitate, die ihm helfen
sollen, die moralische Begrifflichkeit zu vermeiden und damit eine
moralische Deutung der menschlichen Todes-"Pflicht" zu umgehen.
(K) Kafkas Todes-Metaphysik
Und nun noch einmal die immer noch nicht
beantwortete Grundfrage nach Kafkas Verständnis der
Todes-"Pflicht" des Josef K. Welches Welt- und Menschenbild steht
hinter dieser für den "normalen" Leser befremdlichen Auffassung
vom Leben als Sein zum Tode? Diese Formel soll ja mehr besagen als die
Selbstverständlichkeit des Satzes "Alle Menschen müssen
sterben". Ich zitiere noch einmal aus den Oktavheft-Aphorismen Kafkas.
In diesen kurzen, oft auf eine paradoxe Aussage zugespitzten Texten
zeigt sich, dass "Tod" für Kafka doppeldeutig und doppelwertig,
ambivalent ist:
"Das Grausame des Todes liegt darin,
dass er den wirklichen Schmerz des Endes bringt, aber nicht das Ende.
[-] Das Grausamste des Todes: ein [nur] scheinbares Ende verursacht
einen wirklichen Schmerz.[-] Die Klage am Sterbebett ist eigentlich die
Klage darüber, dass hier nicht im wahren Sinne gestorben worden
ist. Noch immer müssen wir uns mit diesem Sterben begnügen,
noch immer spielen wir das Spiel." (H 90)
Kafka unterscheidet also zwischen dem
"natürlichen Tod", zu dem selbstverständlich auch Mord und
Selbstmord gehören, und einem wirklichen, authentischen
"End"-Zustand, einem "Im-wahren-Sinne-Gestorbensein". Der
natürliche Tod, das Sterben gehört zum Leben "in dieser
Welt", dessen Charakteristikum das "Leiden" ist. Kafka ist in diesen
Gedanken offensichtlich stark von Schopenhauer geprägt. (Genaueres
hierzu kann man in dem Buch von Gerhard Kurz nachlesen: S. 141 ff.) Der
Schopenhauerschen Todes-Metaphysik entsprechend, entsteht das Leiden in
der Welt durch den allem Seienden innewohnenden egoistischen,
unersättlichen Willen, dieses unruhig vorwärtstreibende,
kämpferische Begehren. Auch der Selbstmord bietet hier keine
Alternative. Der "Selbstmörder", von dem Kafka in den Oktavheften
spricht (H 77), täuscht sich, wenn er meint, aus dem
"Gefängnis" des Lebens, diesem Kreislauf des Leidens und
Leid-Zufügens, "ausbrechen" zu können - auch er wird
getrieben, auch er begehrt egoistisch. Insofern ist Josef K.s
Erkenntnis in der Apfel-Frühstücks-Szene, dort, wo er von der
"Sinnlosigkeit" des Sich-Umbringens ausgeht (P 13), auf einer tieferen
Ebene des Verstehens doch bedeutsamer, als es zunächst den
Anschein gehabt hat.
Was aber wäre die Alternative zum
leidvollen Sterben Gregor Samsas, zum Selbstmord Georg Bendemanns, zur
Hinrichtung Josef K.s? Worin läge deren wahres, authentisches
Gestorbensein?
"Das entscheidend Charakteristische
dieser Welt ist ihre Vergänglichkeit" (H 85), schreibt Kafka
im Vierten Oktavheft; "diese Welt [ist] nur ein Übergang" (H
87).
Menschliches Leben ist eine Bewegung aus
dem Nichts ins Nichts. Viele Tagebuch- und Briefäußerungen
Kafkas belegen seine eigentümliche Vertrautheit mit dem Nichts.
Der Weg des Menschen in der Welt ist nun ein Weg des Leidens,
verstanden als unablässiges Fortgezerrtwerden durch das Begehren,
durch den Willen zur Individuation, den Willen zur Macht. Andererseits
ist "das Leiden das positive Element dieser Welt", denn die
Leidens-Erkenntnis enthält ja die Wahrheit über die Welt. Sie
führt unmittelbar zu der Entscheidung, dem Leiden nicht immer
wieder davonzulaufen, da es unmöglich ist, ihm zu entfliehen, und
durch Fluchtversuche die Unruhe nur immer größer wird. Es
geht darum, stehenzubleiben, dem Leiden standzuhalten, es als "das
positive Element dieser Welt" anzunehmen. Es gibt
"zwei Möglichkeiten: sich
unendlich klein machen oder es sein. Das zweite [unendlich klein sein]
ist Vollendung, das erste [noch] Beginn [...]" (H 78).
Noch einen Schritt weiter geht ein
Aphorismus im Dritten Oktavheft:
"Niemand kann sich mit der Erkenntnis
allein begnügen, sondern muss sich bestreben, ihr gemäß
zu handeln. [...] er muss daher sich [das tätige, souverän
sein wollende Subjekt] zerstören [...], es bleibt ihm nichts
anderes übrig, als dieser letzte Versuch." (H 76)
So ist Kafka auch in der Lage, wie es im
"Brief an den Vater" heißt, das schlimme "Gefühl der
Nichtigkeit", der zerstörten Persönlichkeit, das der Vater in
ihm verursacht hat, "auch [als ein] edles und fruchtbares Gefühl"
zu empfinden. (H 123)
Und das Verständnis des Todes?
"Unsere Rettung ist der Tod, aber nicht dieser." (H 123, Kurz 145)
"Nicht so, als ob die, welche hier
leiden, [entsprechend z.B. einem traditionellen christlichen
Jenseitsverständnis] anderswo wegen dieses Leidens erhöht
werden sollen, [es gibt kein Anderswo!] sondern so, dass das, was in
dieser Welt leiden heißt, in einer andern Welt, unverändert
[bleibt] und nur befreit [wird] von seinem Gegensatz [seiner
Gegensätzlichkeit zum wahren Leben], [und dann] Seligkeit ist." (H
80)
Kafka spricht in diesem Zusammenhang von
der "Wahrheit [nicht] des Tätigen", des Unruhigen, auf das Ziel
Zustrebenden, sondern von der "Wahrheit des Ruhenden", die "durch den
Baum des Lebens" "dargestellt" wird, weil die Wahrheit eines solchen
Gestorbenseins paradoxerweise überhaupt erst das "Leben" in einem
emphatischen Sinne ist. (H 80) "Noch" spielen wir [zwar] das Spiel
dieses Gestorbenseins nicht, aber ihm gilt Kafkas - ja wohl doch
metaphysisch zu nennende - Sehnsucht.
Vor allem sein Schreiben versteht er wohl
als Antizipation des Ersehnten: An Felice Bauer schreibt er eine Woche
vor seinem 30. Geburtstag:
"Ich brauche zu meinem Schreiben
Abgeschiedenheit, nicht 'wie ein Einsiedler', das wäre nicht
genug, sondern wie ein Toter. Schreiben in diesem Sinne ist ein tiefer
Schlaf, also Tod [...]." (FB 412)
Aber sowohl Todessehnsucht als auch
"Todes-Schreiben" ändern nichts daran:
"Dieses Leben scheint
unerträglich, ein anderes unerreichbar." (H 60)
Zusammenfassend gesagt: Ohne diese
"Thanatologie", wie Gerhard Kurz Kafkas Todes-Metaphysik genannt hat,
ist meiner Meinung nach "Der Prozess" nicht zu verstehen. Ich
möchte zum Schluss die Berechtigung eines solchen
Verständnisses noch einmal überprüfen, indem ich auf die
sog. "Legende" "Vor dem Gesetz" aus dem Dom-Kapitel eingehe und die
Figuren des "Mannes vom Lande" und Josef K.s nebeneinander stelle:
Wenn sich der "Mann vom Lande", vor dem
"Gesetz" des todverfallenen Lebens stehend, nicht abweisen und ablenken
lassen würde, wissend, dass "böse ist [...], was ablenkt" (H
62),
wenn Josef K. konsequent wäre bei der dreißigsten Wiederkehr
seines "Geburts"-Versuchs, seines mit dem unbewussten Todeswunsch
paradox gekoppelten Lebens- und Wahrheitsfindungsversuchs,
ja, was wäre dann?
Eine kurze Parabel aus den "Losen
Blättern" (H 255) zeigt, anders als der Roman und die Legende,
nicht nur die "Wahrheit des [unruhig] Tätigen", sondern auch die
alternative "Wahrheit des Ruhenden":
"Läufst du immerfort
vorwärts, plätscherst weiter in der lauen Luft, die
Hände seitwärts wie Flossen, siehst flüchtig im
Halbschlaf der Eile alles an, woran du vorüberkommst, wirst du
einmal auch den Wagen an dir vorüberrollen lassen.
Bleibst du aber fest, lässt mit der Kraft des Blicks die Wurzeln
wachsen tief und breit - nichts kann dich beseitigen und es sind doch
keine Wurzeln, sondern nur die Kraft deines zielenden Blicks -, dann
wirst du auch die unveränderliche dunkle Ferne sehn, aus der
nichts kommen kann als eben nur einmal der Wagen, er rollt heran, wird
immer größer, wird in dem Augenblick, in dem er bei dir
eintrifft, welterfüllend und du versinkst in ihm wie ein
Kind in den Polstern eines Reisewagens, der durch Sturm und Nacht
fährt." (H 255)
Der Mann vom Lande mit seinen "vielen
Versuchen, [in das Gesetz] eingelassen zu werden", verhält sich
ebenso unruhig wie die mit "du" angeredete Person im ersten Teil der
Wagen-Parabel, die "immerfort vorwärtsläuft". Heranrollender
Wagen und Eintritt in das Gesetz werden verpasst.
Würde der Mann vom Lande jedoch, wie
das parabolische "Du" im zweiten Teil der Wagen-Parabel, "festbleiben",
sich entscheiden, seinem Erkenntniswillen gemäß zu handeln,
und souverän am Türhüter vorbei in das "Gesetz"
eintreten - denn das "Gesetz" "soll doch jedem und immer
zugänglich sein" (P 182),
würde er dann im Innersten des "Gesetzes", im Innersten der
Wahrheit wie das "Du" der Wagen-Parabel die "Kraft des Blicks"
aufbringen,
dann würde er den "Anblick" des "unverlöschlichen Glanzes"
wohl erfahren, aber "nicht ertragen" können,
das heißt: er würde - aktivisch
ausgedrückt - "sich zerstören", wie es im Dritten Oktavheft
gefordert wird; passivisch und in der Bildlichkeit der Wagen-Parabel
ausgedrückt: er würde vom "welterfüllenden" Wagen
überrollt werden,
er würde dann wahrhaft gestorben sein, "wie ein Kind in den
Polstern eines Reisewagens" im Tod ruhen, erlöst von den
lebenslangen ichschwach-nervösen Autonomiebestrebungen.
Der Unterschied zu dem in der "Legende"
berichteten Ablauf, an dessen Ende ja schließlich auch der Tod
des Mannes vom Lande steht, bestünde darin, dass der Lebens- bzw.
Todes-Prozess des Mannes nicht den Umweg über einen
jahrzehntelangen Aufenthalt in der Welt des Scheins und der Lüge -
auch der Lügengeschichten! - nähme, nicht "verschleppt"
würde, sondern unmittelbar in der Wahrheit, dem "Gesetz"
ankäme. Und dasselbe würde auf Josef K. zutreffen, wenn er
nach dem Apfelgenuss in seinem Zimmer die in ihm aufkommende
Vorstellung seines Todeswunsches nicht rationalisierend
beiseiteschieben, sich selbst ablenken, sondern ihr nachgeben
würde. Das ein für allemal über das Leben in "dieser
Welt" gesprochene Todesurteil würde sich nicht ändern - aber
weder "Verschleppung" des Prozesses noch eine immer wieder vor allem
durch die Hilfe der Frauen zustandekommende "scheinbare Freisprechung"
hätte stattgefunden. (Von diesen beiden Alternativen zur
"wirklichen Freisprechung" redet ja der Gerichtsmaler Titorelli im
Siebenten Kapitel [P 131 ff.].)
(L) Der Roman als Inszenierung des
Verschleppungsprozesses
Das heißt nun aber: im Falle der
nicht abgelenkten Wahrheitssuche des Protagonisten gäbe es keine
Romanhandlung und keinen Roman "Der Prozess", vielleicht eine kurze,
prägnante Parabel, aber die "große Form" des Romans
wäre nicht möglich. Denn Kafkas Roman als Roman ist nichts
als die Darstellung der "bösen" "Ablenkung" vom Eigentlichen, der
"Verschleppung" des wahren, notwendigen, "natürlichen Verlaufs".
Ja, er ist nicht einmal die Darstellung eines Prozesses der
Verschleppung, sondern des äußeren und inneren sinnlosen
Redens über die Verschleppung. Zugespitzt formuliert: Der Roman
als Roman verdankt sich einer ängstlich-nervösen, mit
differenziertem syntaktischem, logischem und argumentativem Aufwand
betriebenen (nicht pejorativ zu verstehenden) Geschwätzigkeit
angesichts des von Anfang an
Unausweichlichen, wobei gerade diese Unausweichlichkeit und damit auch
der Verschleppungscharakter dem Protagonisten nicht bewusst werden.
Auch hierin liegt ein Grund für die Handlungslosigkeit des
"Prozess"-Romans.
Zum Schluss: Gerade die sinnlose Leere des
200 Seiten füllenden, in Gedanken und im Dialog ablaufenden
Verschleppungs-Geredes des Josef K. macht die eminente Welthaltigkeit
des Roman-Fragments aus:
Kafka schreibt im Dritten Oktavheft, "die
ganze Welt" sei voll von "Motivationen", und er meint damit: voll der
sinnlosen und zwecklosen angestrengten Argumentationsversuche im
Bereich des vom einzelnen nicht verstandenen Widerspruchs zwischen
unbewusstem Todeswunsch und bewusster Todesverhinderung; und Kafka
fährt fort:
"ja die ganze sichtbare Welt ist
vielleicht nichts anderes als eine Motivation des einen Augenblick lang
ruhenwollenden Menschen." (H 76)
Die gesamte menschliche Lebenswelt als das
Ergebnis einer globalen Verdrängungs- und
Rationalisierungsleistung des Menschen, des "modernen Menschen" (?),
der in seinem tiefsten Inneren immer schon zu dem endgültigen
"Ende" und dem Ruhen in diesem "Ende" unterwegs ist, aber irgendwann
auf den "Umweg" der Subjektivität und des autonomen
Erkenntnisstrebens geraten ist und nun aus Todesfurcht Sicherungs- und
Verschleppungssysteme aufbaut, die die heutige "ganze Welt" ausmachen!
Der Autor Kafka zeigt diesen Verschleppungsprozess, kalt, sine ira et
studio, er inszeniert ihn mit der Feder auf dem Papier als das Spiel
der schwarzen Buchstaben im Nichts. So hat er teil an dem Prozess, der
die Welt ist, "als hätte er nicht". Das ist weder Leben noch Tod -
vielleicht Inszenierung des Lebens als Tod? oder: des Todes als Leben?
*** Die zum Entstehungszeitpunkt dieses Textes
benutzte Ausgabe des "Prozess" war das Fischer-Taschenbuch fitabu 676.
Der Wortlaut dort stimmt nicht mit der Handschrift überein, wie
dies die Historisch-kritische Ausgabe sämtlicher Handschriften,
Drucke und Typoskripte, hrsg. von Roland Reuß und Peter Staengle
im Verlag Stroemfeld/Roter Stern, Basel/Frankfurt am Main ausweist:
Statt "Waschtisch" heißt es dort "Nachttisch".
(Franz Kafka, Jemand musste Josef K. verläumdet haben, 1997, S.
24/25)
Insofern ist die Interpretation in Richtung auf "Neugeburt"
(Reinigungs-Metapher "Waschtisch/Waschen") problematisch.
Im nächsten Satz allerdings ist davon die Rede, dass das Apfel-Frühstück "viel
besser" sei als das Frühstück "durch die Gnade der Wächter" - die
eigene Inszenierung des Apfel-Sündenfalls "viel besser" als die
mögliche Begnadigung durch das Gericht/seine Vertreter. Es geht
also gerade nicht um die selbst-inszenierte Aufhebung der "Sünde",
sondern um die unbewusste Ablehnung einer möglichen Begnadigung -
der die unbewusste Ablehnung der realen, mit "Leben" notwendigerweise
verbundenen (Ur-)Schuld zugrundeliegt. - Dieser Interpretations-Gedanke
müsste genauer ausgeführt werden. (Nov. 2007)
Den Hinweis auf den Wortlaut der Handschrift verdanke ich Sibille Koch.
nach oben
Anmerkungen/Literatur:
Alle Verweise auf den Roman-Text (P
...) beziehen sich auf "Franz Kafka, Der Prozess. Roman, Fischer
Taschenbuch 676, Frankfurt/Main 1979/1988".
Mein Text geht zurück auf einen
vor einigen Jahren im Rahmen der baden-württembergischen
Deutschlehrer-Fortbildung gehaltenen Vortrag.
Viel verdanke ich der Kafka-Deutung von Gerhard Kurz in
G.K., Traum-Schrecken. Kafkas literarische Existenzanalyse, Stuttgart
(Metzler) 1980.
Einige Hinweise auf Literatur zum
wichtigen Thema "Kafkas Judentum", das in meinem Text
unberücksichtigt geblieben ist:
Ritchie
Robertson, Kafka. Judentum, Gesellschaft, Literatur, Stuttgart
(Metzler) 1988
Karl Erich Grözinger,
Stéphane Mosès, Hans Dieter Zimmermann (Hg.), Kafka und
das Judentum, Frankfurt am Main (Jüdischer Verlag bei
athenäum) 1987
Karl Erich Grözinger,
Kafka und die Kabbala. Das Jüdische im Werk und Denken von Franz
Kafka, Frankfurt am Main (Eichborn) 1992
Empfohlen außerdem:
Rüdiger
Safranski, Kafka oder Die Kunst, in der Fremde zu bleiben, in: R.S.,
Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? Über das Denkbare und das
Lebbare, München/Wien (Hanser) 1990, S. 155-189
Neuere
Interpretationsansätze zu Kafka:
K.-M. Bogdal
(Hg.), Neue Literaturtheorien in der Praxis. Textanalysen von Kafkas
'Vor dem Gesetz', Opladen (Westdeutscher Verlag) 1993 (darin
vielfältige Literaturangaben)
Biografie
Peter-André Alt,
Franz Kafka - Der ewige Sohn. Eine Biographie, München (Beck) 2005
Oliver
Jahraus, Kafka. Leben, Schreiben, Machtapparate. Stuttgart (Reclam) 2006
© Dieter Schrey 1997/2006
eMail Dieter.Schrey@bn-ulm.de
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