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DIETER SCHREY

"DIE WELT" - KURZINTERPRETATION 

 

Christian Hofmann von Hofmannswaldau
Die Welt

Was ist die Welt und ihr berühmtes Glänzen? 
Was ist die Welt und ihre ganze Pracht?
Ein schnöder Schein in kurzgefaßten Grenzen, 
Ein schneller Blitz bei schwarzgewölkter Nacht, 
Ein buntes Feld, da Kummerdisteln grünen, 
Ein schön Spital, so voller Krankheit steckt, 
Ein Sklavenhaus, da alle Menschen dienen, 
Ein faules Grab, so Alabaster deckt.
Das ist der Grund, darauf wir Menschen bauen 
Und was das Fleisch für einen Abgott hält. 
Komm, Seele, komm und lerne weiter schauen, 
Als sich erstreckt der Zirkel dieser Welt! 
Streich ab von dir derselben kurzes Prangen, 
Halt ihre Lust für eine schwere Last: 
So wirst du leicht in diesen Port gelangen, 
Da Ewigkeit und Schönheit sich umfaßt.
 
 

Interpretation:

Die 16 Verse des Gedichts sind 4 mal 4 Kreuzreim-Verse (5-hebige Jamben), die sich inhaltlich ganz klar in 2 mal 8 Verse teilen lassen: Auf die 8 Verse der "Narratio" (doppelte Frage + 6 Antworten), objektivierend und mit fraglosem Gültigkeitsanspruch vorgetragen, folgen die 8 Verse der "Persuasio", in denen der Sprecher sich selbst indirekt (im "wir" V. 9) und die angeredete "Seele" ("du") direkt ins Spiel bringt.

»"Was ist die Welt?" In der Mitte des 17. Jahrhunderts (das Gedicht lässt sich auf 1647/48 datieren), zu Ende des großen Krieges; ist die Frage gänzlich rhetorisch. Und sie ist es seit Jahrhunderten. [...] Frage und Antwort sind fast nur mehr zu variieren, einem gegebenen musikalischen Thema vergleichbar [...].« (Urs Herzog, 1982, in: Reclam 7890, S. 357) In den drei ersten  Antwort-Varianten leuchtet das mit "berühmtem Glänzen" Gemeinte (natürliche Schönheit) jeweils nur in einem einzigen Wort auf: Den drei positiv wirkenden Charakteristika der Welt - "Schein, Blitz und Buntheit" - stehen mehrere negative gegenüber, die alles Positive, Schöne als bloßen Schein entlarven: "Schnödheit (Wertlosigkeit), Begrenztheit (räumlich), schnelle Vergänglichkeit (zeitlich), Schwärze, kummervolle Zukunft". Was in den nächsten drei Antwort-Varianten zum Thema "ganze Pracht" (=kulturelle Bedeutsamkeit) äußerst knapp mit "schön, alle, Alabaster" als scheinbar positiv angedeutet wird (Schönheit, Universalität?, Wohlgeformtheit), erweist sich - behauptet der Sprecher - als "Seuchenspital, Sklavenhaus, Fäulnis/Verwesung", also als tödliche Qual. Keines der Weltcharakteristika, keines der Bilder (höchstens das der "Kummerdisteln") ist innerhalb der Barock-Literatur originell; das Ganze ist ein rhetorisch gekonntes, locker gefügtes, klanglich-schönes Spiel (6-maliger anaphorischer Versbeginn, 7-8-maliges alliterierendes "sch"; ö-, ä-, au-Assonanzen, lautlich-semantische Antithesen wie "Glänzen - Grenzen", "Pracht - Nacht").

Die ersten beiden Verse des Persuasio-Teils benennen die Beteiligten ("wir Menschen"), fassen inhaltlich zusammen ("Das ist...") und führen weiter: Das bisher Gesagte waren Aussagen über "die Welt", deren wahren Charakter "wir Menschen" nicht durchschauen, sodass all unsere Erkenntnis ("für ... halten") und all unser Tun ("darauf bauen") Schein- und Trugcharakter besitzt (trügerischer "Grund", "Abgott"). Gleichzeitig wird schon angedeutet, woran es liegt, dass "wir Menschen" das, was die 6 Entlarvungs-Antithesen aufgezeigt haben, nicht unmittelbar erkennen: "Wir" sind "Fleisch".

Die SchülerInnen werden Mühe haben, ohne den platonischen und paulinischen Hintergrund dieser Begrifflichkeit ("Fleisch - Seele"), ohne den darin sich aussprechenden Dualismus von » äußerlich wahrnehmbarem, uneigentlich und wesenlos Seiendem« und »von innen heraus wahrnehmbarem, wahr und wesenhaft Seiendem« das Gedicht zu verstehen. Am ehesten wird vielleicht auch heute noch die Unterscheidung von sterblichem ("Fleisch") und unsterblichem Teil des Menschen ("Seele") und eine daran orientierte Unterteilung der Welt in Vergängliches und Unvergängliches (was ist das heute?) plausibel sein.

Wo "das Fleisch" im begrenzten "Zirkel dieser Welt" einer Reihe von Täuschungen unterliegt, kann "die Seele" "weiter schauen". Während sich Gryphius in seinem Gedicht ("Es ist alles eitel") in seiner Zuwendung zu den Lesern noch objektivierend zurückhält (indem er im letzten Vers klagt, statt zu appellieren), fordert Hofmannswaldau "die Seele" direkt auf. Allerdings ist es nicht sehr konkret, was er als Aufgabe nennt: die Aufforderung, "weiter" zu schauen, ist noch ungenauer als Gryphius' Formel der Betrachtung dessen, "was ewig ist". Allerdings bereitet den zeitgenössischen Lesern mit ihrer Frömmigkeit und Bibelkenntnis die Konkretisierung keine Schwierigkeiten - den Schülern heute, ohne solche Voraussetzungen, umso mehr. Negativ wird die Aufgabe benannt: Verzicht auf "kurzes Prangen" und "Lust". Positiv wird nur das mögliche Ziel angekündigt: der - emblematisch vorgeprägte - "Port", der sichere Zielhafen der Lebens-Fahrt auf schwankender See; und an diesem Ziel werden "sich Ewigkeit und Schönheit umfassen".

Sosehr es, mehr mittelbar als unmittelbar, deutlich werden mag, dass es Gryphius um die Existenz in der schönen Welt, um deren Hinfälligkeit leid ist - in Hofmannswaldaus Schlussformel von der "Umarmung von Ewigkeit und Schönheit" zeigt sich das Neue, Nicht-Selbstverständliche der Barock-Lyrik - vor dem Hintergrund der christlichen, von Gryphius in einen nicht-kirchlichen Kontext überführten Tradition - klarer ausgeprägt: Die diesseitige, vergängliche "Schönheit" der irdischen Welt (nur 6 mal 1 Wort in V. 3 - 8) darf gelten, wenn auch nur in Verbindung mit "Ewigkeit". Inwiefern aus dieser Verbindung diesseitig etwas anderes hervorgehen kann als "schön Spital" und "Sklavenhaus" - das würde der heutige Leser gern wissen. Er findet Antworten erst in der Poetik und der Dichtung des Jahrhunderts zwischen 1750 und 1850, dort, wo sich die letztlich doch immer noch kollektiv-kirchlich gemeinte Religiosität der beiden Barockdichter in je individuell interpretierte, philosophisch-poetische Metaphysik verwandelt hat. 

 

 

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© Dieter Schrey 2006