Hugo
von Hofmannsthal
Was ist die Welt?
Was ist die Welt? Ein ewiges Gedicht,
Daraus der Geist der Gottheit strahlt und glüht,
Daraus der Wein der Weisheit schäumt und sprüht,
Daraus der Laut der Liebe zu uns spricht
Und jedes Menschen wechselndes
Gemüt,
Ein Strahl ists, der aus dieser Sonne bricht,
Ein Vers, der sich an tausend andre flicht,
Der unbemerkt verhallt, verlischt, verblüht.
Und doch auch eine Welt für sich
allein,
Voll süß-geheimer, nievernommner Töne,
Begabt mit eigner, unentweihter Schöne,
Und keines Andern Nachhall, Widerschein.
Und wenn du gar zu lesen drin verstündest,
Ein Buch, das du im Leben nicht ergründest.
Interpretation:
Der Leser hat seine Schwierigkeiten mit
der Emphase, mit der in diesem Sonett die Realität gleich zu
Beginn umstandslos in ein "Gedicht" verwandelt und als Ort
göttlicher Epiphanie gefeiert wird. Die Trias der jeweils
alliterierenden, an die Sprache der Bibel und die Poesie der
Jahrhunderte anklingenden Fügungen ("Geist der Gottheit", "Wein
der Weisheit", "Laut der Liebe") erschlägt den Leser fast. Welche
Erfahrungen mit "der Welt" hat ein 15jähriger Gymnasiast gemacht,
dass er es wagt, in ein solches Rühmen auszubrechen? (Hofmannsthal
hat dieses Gedicht am 4. Juni 1890 geschrieben!)
Die Emphase setzt sich zwar in der zweiten Strophe fort, aber dieses
zweite Quartett endet ebenso umstandslos und unerwartet, wie das erste
mit hymnischem Rühmen begonnen hat, mit einer durch die
anaphorische Betonung der Vorsilbe "ver-" wohl als elegisch zu
empfindenden Zurücknahme des "Strahlens und Glühens",
"Schäumens und Sprühens" und "Ansprechens" in "Verhallen,
Verlöschen, Verblühen". Es mag die Schüler
überraschen, wenn sie erfahren, dass dies die
Grunderfahrung des jungen Hofmannsthal und seiner Zeitgenossen gewesen
ist. Nichts in der Welt bietet mehr einen festen Halt, alles
entgleitet, kaum dass es aufgetaucht ist, selbst das menschliche Ich
erscheint als "unrettbar" (Hermann Bahr im Anschluss an den Prager und
Wiener Physiker und Erkenntnistheoretiker Ernst Mach). Jedoch statt
einer nur noch skeptischen Haltung entwickeln die Autoren der Wiener
Moderne der 90er Jahre, allen voran Hofmannsthal, aus der Position der
Haltlosigkeit heraus den Versuch, im "Gedicht" Sinn und Einheit zu
stiften und eine poetische Realität zu erzeugen, zu der von
vornherein "Gottheit" und Nichts gehören, in der das Blühen
als Verblühen und das Verblühen als Blühen geschieht. So
ist es nur konsequent, wenn von "jedes Menschen wechselndem
Gemüt" geredet wird.
Das Sonett gibt zwei Antworten auf die von ihm selbst aufgeworfene
Frage "Was ist die Welt?" Im Hinblick auf den Pol der Totalität
zeigt sich "die Welt" als das eine "ewige Gedicht", die eine
"Sonne" - ein Makrokosmos mit "tausend" und
abertausend individuellen "Versen" (hörbar) bzw. "Strahlen"
(sichtbar). Für den Blick in der entgegengesetzten Richtung, auf
den Pol der Individualität hin, ist "Welt" jeweils "eine
Welt für sich allein", ein individueller Mikrokosmos. Die Frage,
die insgeheim im Zentrum des Gedichts steht, ist die Frage nach dem
Wesen des menschlichen "Gemüts". Die zwei Antworten lauten: Jedes
Individuum ist als "Strahl" (nichts als) "Widerschein" der ewigen
"Sonne", als "Vers" (nichts als) "Nachhall" des göttlichen "Lauts
der Liebe" - das ist die Antwort des zweiten Quartetts in Korrespondenz
zum ersten. Jedes Individuum ist "auch eine Welt für sich allein",
aus eigenem Ursprung, sichtbar ("eigne ... Schöne") und
hörbar ("süß geheime ... Töne"), keiner "Sonne"
"Widerschein", keines göttlichen Lautes "Nachhall" - das ist die
Antwort des dritten Quartetts in gewissem Gegensatz ("Und doch") zum
ersten.
Die drei Quartette des Sonetts (Form des sog. Shakespeare-Sonetts)
laufen auf die Pointe des abschließenden Verspaares zu , die die
letzte Antwort auf die Ausgangsfrage gibt: Was ist die Welt? Sie ist
"ein Buch", und es gilt, "drin" zu lesen - "drin", d.h. in dem Buch der
Totalität und in den Büchern der einzelnen
Individualitäten, die eigenständige Totalitäten sind.
Dass diese Lektüre die zwar lebensentscheidende, aber letztlich
unmöglich zu leistende Aufgabe jedes Lesers ist (des Lesers des
Welt-Gedichts und des mit "du" angeredeten Lesers des
Hofmannsthal-Gedichts), das wird in dem doppelten Irrealis der
Schlussverse ausgedrückt.
Wenn "Gedicht" (neben "Sonne") die zentrale Metapher für "Welt"
ist, wenn also die Welt, das Leben als ästhetisches bzw.
poetisches Phänomen gedeutet wird, muss ein reales Gedicht, das
diesen Gedanken ausdrückt (den "Wein" solcher "Weisheit"
"sprüht"), ein Äußerstes bieten, um glaubhaft zu
wirken. Das gelingt hier v. a. durch eine eigenwillige Realisierung der
Form des Shakespeare-Sonetts (Reimanordnung abba - baab - cddc - ee),
durch zahlreiche rhetorische Figuren und klangliche Raffinesse. Die
Sprachbilder sind traditionell und wirken kunstvoll-künstlich.
Die großen Hofmannsthal-Gedichte entstehen erst später.
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