Offensichtlich stellen die ersten
drei Vigilien so etwas wie eine Exposition dar: die Personen und ihre
Interessen, Probleme und ersten Irritationen werden vorgeführt.
Vor allem geht es um die Initiation in das Gegeneinander und
Miteinander von "gewöhnlichem Leben" und "Fabulosem", die neue
Entdeckung Hoffmanns (Brief an seinen Verleger Kunz, 4.3.1814), die
ihren Ausdruck bereits im Untertitel des Märchens findet und
zunächst vom damaligen und heutigen Märchenleser mit
Verwunderung oder Befremden zur Kenntnis genommen wird. Denn das
Es-war-einmal-Märchen und die genau lokalisierte, wenigstens
scheinbar auch genau datierte "neue Zeit" vertragen sich ja eigentlich
nicht miteinander.

1.
Die drei Szenen der ersten Vigilie
(Schwarzes Tor - Linkisches Bad - Holunderbaum) spielen in vier
verschiedenen, ineinander übergehenden Welten,
- in einer
dämonisch-phantastischen "Märchen"-Welt, die in der Begegnung
des Anselmus mit dem Äpfelweib kurz aufblitzt und ihn für
Augenblicke aus der "neuen Zeit" des Bürgerlebens
(Marktgeschehens) herausführt,
- dann in eben dieser
Bürgerwelt, die in ihrem Doppelcharakter aufscheint: einerseits
als Wunschtraum-Idylle, ja, als "Paradies" (Reclam 7,9), durch
"Doppelbier" (7,11.18/9,26), Musik und "geputzte Mädchen" (7,18
f.) gekennzeichnet,
- andererseits auch und gerade als
Ort des "schrecklichen Verhängnisses" (8,9), des Zwangs der
bürgerlichen Leistungsnormen und Konvenienzen, gegen die Anselmus
immer wieder aufgrund seiner Tollpatschigkeit verstößt,
- schließlich in der
utopisch-phantastischen Sehnsuchts-Welt der "herrlichen dunkelblauen
Augen" (11,31 f.), des Holunderbaums und der Schlänglein, die wie
die ihr entgegengesetzte dämonische Märchenwelt nur für
kurze Zeit aufblitzt.
2.
Durch den Untertitel ("Märchen aus der neuen Zeit") wird
der Blick des Lesers auf die Tatsache des Ineinanders zweier
Handlungsorte/-bereiche/ Welten gelenkt. Die nähere inhaltliche Erschließung
der mythischen Ebene führt über den Text hinaus. So
ist der "Fall ins Kristall" (5,21 f.) von der ersten Vigilie an weder
wörtlich noch nur metaphorisch zu verstehen. Von Anfang an
verweist die Bezeichnung des Anselmus als "Satanskind" auf den
biblisch-mythischen Sündenfall, den der "Teufel"/"Satan"
herbeiführt. Hier erweist sich eine nähere Untersuchung der
Tollpatschigkeit als notwendig, die Anselmus im Selbstgespräch
unter dem Holunderbaum reflektiert. Es stellt sich heraus, dass
sich der Student bereits von Anfang an selber als "Satanskind"
versteht, denn er erwähnt sechsmal den "Teufel" oder den "Satan"
(8,10; 8,21; 8,29; 9,9 als "Mops" im Anklang an Mephistos erstes
Auftreten im "Faust"; 9,17; 10,15), der ihm seine Tollpatschigkeit "in
den Kopf setzt" (8,22), der ihn auch direkt in den "Äpfelkorb"
geführt hat (10,15 f.), sodass wirklich gilt, was der
Geheimrat ausruft: er "ist des Teufels" (9,16 f.). Offensichtlich hat
ihn der Teufel schon immer oder seit längerer Zeit geführt
und verführt - ganz besonders aber "am Himmelfahrtstage" (5,4) in
Gestalt des Äpfel anbietenden, also in der Rolle der Eva (bzw. der
Schlange) auftretenden alten Weibs.
Zwei Fragen stellen sich hier: Was ist
das für ein Paradies, von dem Anselmus in der ersten Vigilie
ferngehalten wird? Und welche Macht, welches Prinzip steht hinter dem
so häufig apostrophierten "Satan" und dem Weib als "Satans-Geburt"
(108,30)?
3.
Das Paradies, dem des Anselmus Wünschen und Sehnen gilt, ist das
"Linkische Paradies" (7,9) mit seiner bürgerlichen
"Gemütlichkeit" (9,23) und "Glückseligkeit" (7,8). Es ist auf
scheinbar ganz normal-bürgerlichem Wege zu erreichen und
eigentlich befinden sich auch alle anderen Menschen außer
Anselmus darin.
Der Erzähler ironisiert zwar die
Sehnsucht des Studenten nach der biederen Bürgerlichkeit, aber
nicht mit beißendem Spott, sondern eher mit
verständnisvoller Ironie. Anselmus ist jedoch in seinem Inneren
nicht nur von dem selbstverständlich scheinenden Hang zu den
"geträumten Genüssen" (7,7) bestimmt, sondern auch von einem
entgegengesetzten, "satanischen" Prinzip, er wird immer wieder zu
Verstößen (nicht gegen ethische oder religiöse,
sondern) gegen bürgerliche Normen (der Kleidung, der
öffentlichen Ordnung usw.) verführt, mit der Folge der
Verstoßung aus dem Paradies der idyllischen Bürgerwelt: des
Anselmus erster "Fall".
4.
Aus der ersten Vigilie läßt sich die Frage, welches Prinzip
hinter dem Äpfelweib steht, nicht beantworten. Ein Vorgriff auf
die zehnte Vigilie, die den zweiten, den eigentlichen "Fall" des
Studenten bzw. die Folgen des "Falls" behandelt, ergibt den paradoxen
Sachverhalt, dass Anselmus hier (10. Vigilie) genau in die
Welt hineinfällt, aus der er nach dem ersten "Fall"
verstoßen worden ist, die Welt, in der "man" (die
Kreuzschüler und Praktikanten z.B.) sich an "Doppelbier",
"hübschen Mädchen" und "Singen" orientiert (106,24 ff.),
genau wie im Linkeschen Bad. Diesen "Fall ins Kristall" hat das
Äpfelweib von Anfang an im Auge gehabt (108,9 ff.). Die in der 10.
Vigilie dargestellte phantastische Welt, die Flaschen-Welt, ist nur die
dämonisierte Form der Bürgerwelt mit ihren leeren
Konventionen und ihrem Leistungsprinzip, demgegenüber Anselmus ja
versagt, und diese schreckliche Gesellschaftsverfassung ist wiederum
nur das verkehrte Spiegelbild der idyllischen Bürgerwelt mit ihrem
Konsumversprechen.
5.
Warum aber vertreiben "Satan" und Hexe dann den Anselmus zunächst
aus dem Bürgerparadies, wenn sie letztendlich nichts anderes
wollen, als ihn dorthin festzubannen? Den Vertretern des
dämonischen Prinzips geht es um einen letzten (?)
Entscheidungskampf, in dem sie Anselmus als Mittel zum Zweck einsetzen,
als trojanisches Pferd, um in den innersten Bereich der Phantasiewelt
einzudringen, dort den "Goldnen Topf" - das Sinnbild der
phantastischen Welt - zu erobern und so endgültig die Konkurrenz
der Phantasie auszuschalten. Das Märchen "Der Goldne Topf" stellt
sich auf diese Weise als die Geschichte eines Kampfes heraus. Ein
wirkungsmächtiger "Metallspiegel" wäre der "Goldne Topf" ja
allemal noch, wenn die Hexe ihn rauben könnte. Derart in den
Dienst der in Schrecken und Traumerfüllung "ungeheuren",
"gewaltsamen" Wirklichkeit gestellt, würde er großes Unheil
anrichten: er würde die Menschen "schwindlig" machen, d.h.
orientierungslos, aber euphorisch. Das kreative Prinzip der Erzeugung
von Gegenwelten, die Phantasie, wäre nicht mehr da, um das
Unglück zu verhindern.
6.
Zurück zur ersten Vigilie: Des Anselmus Qual nach dem Verlust des
Bürger-Paradieses schlägt unvermittelt um in die Vision des
utopisch-phantastischen Paradieses, die zwar zunächst -
außer mit "einem nie gekannten Gefühl der höchsten
Seligkeit" - mit dem Empfinden des "tiefsten Schmerzes" (12,1 f.)
verbunden ist, den Studenten aber doch auf den Weg seiner "Himmelfahrt"
bringt. Ohne das Dazwischentreten des dämonisch-teuflischen
Äpfelweibs hätte Anselmus nicht zum Holunderbaum gefunden.
Das heißt: Der Weg zum Guten/Utopischen verläuft über
das Böse/Dämonische, und aus Qual entsteht Seligkeit. Und
außerdem ist auch das utopische Prinzip eine verführerische
Macht, das Schlänglein (!) Serpentina entspricht also dem
Äpfelweib. Allerdings will Serpentina nicht zu Sündenfall und
"Höllenfahrt", sondern zur "Himmelfahrt", zum erneuerten Paradies
verführen.
7.
Bereits in der 1. Vigilie wird also deutlich: