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Wer in den letzten Jahren in
Buchhandlungen zu beobachten versucht hat, "was man so liest", konnte
sie buchstäblich wachsen sehen, die Berge von
Esoterik-Büchern und solchen, die sich mit irgendwelchen
"Grenzwissenschaften" beschäftigen, und manchmal stehen in den
bestplatzierten Regalen fast nur noch "New Age" und "transformation"
verheißende Taschenbücher. Die seriöseren Bücher
beschäftigen sich mit dem "Geist des neuen Zeitalters" oder der
"Wiederverzauberung der Welt", andere setzen eher auf den Dreiklang von
Meditation, Mystik und Magie, bei den Jugendbüchern gibt es die
Fantasy-Welle nicht erst seit „Harry Potter“. Wieder einmal geht es um
die Suche nach dem „heiligen Gral“ - den Büchern entsprechen die
phantastischen oder mythologisch-phantastischen Filme. Zumindest das
wird offensichtlich gewünscht: die seit über 250 Jahren
fällige Antwort auf die bereits von Rousseau in der Mitte seines
Jahrhunderts zwar nicht so benannte, aber zum ersten Mal festgestellte
"Entzauberung der Welt", die heute - so scheint es - nicht mehr
auszuhalten ist.
Zweimal - angesichts der
gegenwärtigen globalen Umwälzungen - eine Wendung nach innen,
auf der einen Seite die zur Mode heruntergekommene, aber eigentlich
philosophisch oder religiös ernst gemeinte "sanfte
Verschwörung", die sich, wie die Romantik, auf östliche
Weisheit und "westliche" neueste Naturwissenschaft beruft, auf der
anderen Seite das Interesse an einer möglichst weiten Entfernung
der literarischen und filmischen Phantasmata von der normierten
Durchschnittsrealität, die massenhafte Flucht nicht an
Zufluchtsorte, sondern hinein in perfekte Action und apokalyptische
Schreckensvisionen – ist das nicht genau die Spannweite des Gesamtwerks
von E.T.A. Hoffmann? Märchen und Nachtstücke, Sehnsucht nach
dem "wunderbaren Reich" und Wahnsinnsvisionen - bei ihm findet sich das
alles zum ersten Mal dicht nebeneinander oder gar ineinander
verschränkt. Für den symbolischen Goldnen Topf interessieren
sich im Verlauf der Handlung des Märchens utopische und
dämonische Mächte; Schauer-Romantik und romantische
Transzendentalpoesie mischen sich hier. Es wird sich zeigen
müssen, ob dieser Vergleich stimmt - der Vergleich zwischen dem
gegenwärtigen Zeitgeist und der Hoffmannschen Poetik, dem
Wiederverzauberungs-Programm der romantischen Intellektuellen und den
heute massenhaft befriedigten (?) Wiederverzauberungswünschen.
Das historische Grundproblem, das mit der
"Basisepoche" der Aufklärung verbunden ist, das in der Romantik
dann in vollem Umfang thematisiert wird und durch einen Gegenentwurf
überwunden werden soll, das aber auch uns heute noch in einem
für die Romantiker nicht vorstellbaren Ausmaß
beschäftigt, ist das der "Dialektik oder Aufklärung", der
inneren Gebrochenheit des großangelegten selbstbefreienden
Aufbruchs des neuzeitlichen Menschen, der seine Existenz und den Aufbau
seiner Welt auf sich selbst gründet und von Anfang an vor der Wahl
steht, als seine "Natur" entweder die amoralische, aber effektive
Freiheit der "egoistischen Begierden" und des Konkurrenzkampfes
(Hobbes) zu verstehen, mit der Vernunft als Realitätsprinzip und
Ordnungsfaktor, oder aber die souverän selbstbewusste Vernunft,
der zwar die moralische Kompetenz des Subjekts entspringt, die jedoch
einerseits ihre Schwierigkeiten "draußen" in der Realität
bekommt, weil ihre Souveränität nicht unbedingt auch schon
Macht bedeutet, die aber andererseits gerade dort unglaubwürdig
wird, wo sie faktische Macht erlangt hat. Die Machtfrage ist gestellt.
Fortan zeigt sich, dass die Lebenswelt
des bürgerlichen Subjekts, des homme civil, gespalten ist in
Privatleben und Geschäft, Familie und Öffentlichkeit,
Innerlichkeit und gesellschaftliche Normen, Glauben und Leben, Gewissen
und Geschäftsmoral, Moral und Politik, Gedankenfreiheit und
politische Ohnmacht usw. (vgl. H. R. Jauß, Der literarische
Prozess des Modernismus von Rousseau bis Adorno, in: Adorno-Konferenz
1983, hg. v. L. v. Friedeburg und J. Habermas, Frankfurt am Main (=
stw 460) 1983, S.95ff.) – vereinfachend: in eine "Innenwelt" und eine
"Außenwelt". In diesem epochalen Zwiespalt wird unterdrückt,
was nach Rousseau mit dem Terminus "Natur" zusammengefasst wird, das
heute so genannte "Andere der Vernunft", all das also, was Vernunft -
instrumentale und autonome - sich noch nicht aneignen und unter ihre
Herrschaft bringen konnte: Natur, Leib, Phantasie, Gefühle (vgl.
Hartmut u. Gernot Böhme, Das Andere der Vernunft, Frankfurt am
Main (=stw 542) 1983, S. 9ff.). Seit Rousseau 1750, also mitten im
Jahrhundert der Aufklärung, das Verdrängte eingeklagt hat,
meldet es sich im Bereich der deutschen Literatur in der
Empfindsamkeit, bei Lessing und im Sturm und Drang zunehmend zu Wort.
Ist der Mensch vielleicht als Glied einer Familie oder als Frau, als
Freund, als Liebender, als Kind, insgesamt als Empfindender, als homme
sensible, in der Lage auf der Basis der jeweils betonten
"Natürlichkeit", den Legitimationsverlust der moralischen Vernunft
im Herrschaftsbereich der nicht-moralischen Zweckrationalität
wettzumachen? Die Tragödien des Misslingens, des Scheiterns des
homme sensible, kennen wir aus den Dramen Lessings und aus der
Literatur des Sturm und Drang.
Nachdem Hoffnungen, die sich
zunächst mit der Französischen Revolution verbunden haben,
nicht erfüllt worden sind, nachdem sich im Gegenteil - jedenfalls
aus zeitgenössischer deutscher Sicht - die Problemlage (verstanden
als die Alternative "egoistische oder humane Gesellschaftsverfassung")
verschärft hat, soll für Schiller und auch Friedrich Schlegel
eine "ästhetische Revolution" die politische korrigieren: Kunst
soll - wie Schiller sagt - "eine totale Revolution in seiner des
Menschen ganzen Empfindungsweise" herbeiführen (Fr. Schiller,
Über die ästhetische Erziehung des Menschen. 27. Brief, in:
Friedrich Schiller, Sämtliche Werke, hg. v. G. Fricke und H.G..
Göpfert, Bd. I, München 1984, S. 662). Erst muss der Mensch
ästhetisch werden, um human empfinden zu können, um dann
moralisch werden zu können, um schließlich - für
Schiller in ferner, für Novalis vielleicht in näherer Zukunft
- eine humane Gesellschaftsverfassung zu erreichen.
Und an dieser Stelle des
Problembewusstseins fordern Schlegel und das so genannte Älteste
Systemprogramm des deutschen Idealismus eine Neue Mythologie. Die
Kunstmärchen der Romantiker von Novalis und Tieck an können
in diesem Zusammenhang historisch adäquat und damit auch in ihrer
möglichen Aktualität verstanden werden.
Der Ruf nach einer Neuen Mythologie setzt
die Überzeugung voraus, dass die Geltung der alten, antiken oder
archaischen Mythologie ein für allemal verloren gegangen ist. Das
erwachte historische Bewusstsein und die neue v.a. orientalistische
Forschung haben die utopische Fiktion des homme naturel historisiert;
es hat ihn – wie man meinte - offensichtlich in der Antike, für
einige auch noch im Mittelalter, jedenfalls aber in der
urgeschichtlichen "aetas mythica" wirklich gegeben. Und auch in einer
anderen Vergangenheit wird er jetzt angesiedelt, in der von Schelling
so genannten "transzendentalen Vergangenheit" des Bewusstseins, in der
sich das Tages- und Ich-Bewusstsein je und je allererst aus dem
nächtlich-unbewussten Geist als seinem Ursprung entwickelt. Und
wenn dieses Denkschema auf die individuelle Lebensgeschichte
übertragen wird, ist es - nun realiter - der Mensch als Kind, der
noch im Einklang mit sich und der Welt lebt. Man weiß jetzt, wie
der Mythostheoretiker Kanne sagt: "Das Erste ist das Wahre". Aber, ob
in der Kindheit des Menschengeschlechts oder des Einzelnen, seit dem
Sündenfall des Bewusstseins, der Ratio und der Freiheit zum
Egoismus, ist der Mensch als reines Naturwesen unwiederbringlich dahin.
Übrig bleibt der moderne Mensch als zwischen Innen und Außen
gespalten und in sich zerrissen.
Jedoch, und das macht den Beginn des
spezifisch modernen Denkens aus, "gerade der Verlust der Natur wird nun
zur Bedingung der Möglichkeit einer neuen Kunst der Moderne, die
ihre Vollendung nie erreichen kann, sondern in der Progression in eine
offene Zukunft suchen muss. Nichts liegt dem Ausbruch dieser Moderne,
der «progressiven Universalpoesie» der frühen
Romantik, ferner als die Devise einer «Rückkehr zur
Natur», die erst […] die bald danach eintretende Kehre der
konservativen Romantik einläuten sollte!" (H.R. Jauß,
Adorno-Konferenz 1983, S. 110 f.) Zwar riskieren Schiller und auch
Novalis noch nicht den völlig offenen Horizont der Zukunft, anders
ausgedrückt, sie zehren noch realutopisch von der
vorrevolutionären und revolutionären Ausrichtung auf eine
Vollendung der Geschichte hin, aber Fr. Schlegels messianisches
Selbstbewusstsein bezieht sich bereits auf eine "ewige Revolution"
(Rede über die Mythologie, in: Fr. Schlegel, Kritische Schriften,
hg. v. W. Rasch, München 1984, S. 503) und in diesem Sinn auf den
Anbeginn einer neuen, der modernen Zeit. Genau zu diesem Bewusstsein
einer Zeitenwende gehört eine Neue Mythologie.
Der Ruf nach einer Neuen Mythologie
scheint charakteristisch für eine Übergangsphase in der
Entwicklung der Literatur und der Poetik, für die Unsicherheit auf
dem schwankenden Boden, der auf dem Weg ins völlig Offene
angetroffen wird. Eigentlich ist der Punkt der Moderne erreicht, die
Autonomie der Kunst; "der moderne Dichter" muss - wie Schlegel in der
"Rede über die Mythologie" sagt - alles "aus dem eigenen Innern
herausarbeiten", "und viele haben es herrlich getan, aber bis jetzt nur
jeder allein, jedes Werk wie eine neue Schöpfung von vorn an aus
Nichts" (S. 497). Zwar ist das, was "aus Nichts" vom einzelnen Dichter
hervorgebracht werden soll, noch nicht - wie dann seit Baudelaire - die
immer neue, nirgendwo abgesicherte Flut der Traumgesichte und inneren
Bilder, die autonome, surreale Innerlichkeit. Aber wenn es heißt,
dass "die höchste Schönheit [...] denn doch nur die des
Chaos" ist (Fr. Schlegel, S. 497), und wenn "der Anfang aller Poesie"
darin gesehen wird, "den Gang und die Gesetze der vernünftig
denkenden Vernunft aufzuheben und uns wieder in die schöne
Verwirrung der Phantasie, in das ursprüngliche Chaos der
menschlichen Natur zu versetzen" (S. 502), dann ist hier schon ein
radikal neuer Begriff von der Natürlichkeit der menschlichen Natur
zu konstatieren. Aus der Sicht der menschlichen Alltags-"Natur" ist
dies "ursprüngliche Chaos" künstlich. Allerdings soll nun
inkonsequenterweise - dem Schwanken in dieser Übergangszeit
entsprechend - der moderne Dichter aus der chaotischen, "anarchischen"
(Novalis) Innerlichkeit heraus ausgerechnet "einen festen Halt", "einen
mütterlichen Boden", "einen Himmel, eine lebendige Luft" entwerfen
(Fr. Schlegel, Rede über die Mythologie, S. 497), insgesamt also
einen unhintergehbaren Ursprung, genau das, was früher die
Religion bereithielt und was dann weder die Vernunft noch eine
alternative Natürlichkeit und Sensibilität des Menschen zur
Geltung zu bringen vermochten. Und zwar soll dieser durch Poesie
vermittelte Ursprung einerseits ein Gemeinschaftswerk der modernen
Poeten, also der Avantgarde, sein, andererseits wiederum, wie zu Zeiten
der alten Mythologie, für die Menschheit grundsätzlich,
für das "Volk" gelten. Diesen Gedanken artikuliert v.a. das sog.
Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus (in: Materialien
zu Schellings philosophischen Anfängen, hg. v. M. Frank u. G.
Kurz. Frankfurt am Main (=stw 139) 1975, S. 112).
Der in sich widersprüchlichen
Theorie der Neuen Mythologie entspricht die Praxis
frühromantischer Märchen. Zunächst wird von der neuen
Gattung, vom Kunstmärchen, erwartet, dass es durch die für
seine Handlung und Erzählweise charakteristische Aufhebung der
normalen rationalen Ordnung der Welt in der Lage ist, so etwas wie die
"Zeit der allgemeinen Anarchie - Gesezlosigkeit - Freiheit", den
"Naturstand der Natur - die Zeit vor der Welt(Staat)" zu evozieren
(Novalis, Allgemeines Brouillon. Schriften. Dritter Band. Das
philosophische Werk II, hg. v. R. Samuel in Zusammenarbeit mit H.-J.
Mühl u. G. Schulz, Darmstadt 1968, S. 280), also gegenüber
dem entfremdeten Leben in der vorgefundenen bürgerlich-rationalen
Welt radikal kritisch zu wirken. Die Novalis-schen Märchen oder
auch Wackenroders "Wunderbares morgenländisches Märchen von
einem nackten Heiligen" gehen aber weiter: Sie wenden nicht nur die
"Gesetzlosigkeit" des Märchens als Methode an, als
historisch-langfristigen Weg, das poetische "Chaos" immer mehr der
"Berührung der Liebe" entgegenzuführen (Fr. Schlegel, S.
497), dadurch seine zukünftige Entfaltung "zu einer harmonischen
Welt" (a.a.O.) zu ermöglichen und so die Menschheit stetig ihrem
Ziel näherzubringen; sie machen vielmehr diesen intendierten
Entwicklungsprozess auch zu ihrem Inhalt, indem sie, immer neu
variiert, die eine Geschichte vom verlorenen und auf einer höheren
Stufe wiedergefundenen paradiesischen Ursprung erzählen, den einen
Mythos des triadischen weltgeschichtlichen Prozesses. Mit dieser
ständigen Wiederholung der einen mythischen Wahrheit kippt der am
Ausgangspunkt bei Schiller zeitkritisch gemeinte Ansatz einer
"ästhetischen Revolution" in einen nur noch
ästhetisch-utopischen Ansatz um.
Die Methode der "Potenzierung" der
gegebenen Wirklichkeit führt hier in der Poesie zu einer Synthese
von Realität und Idealität, sie ermöglicht scheinbar -
mit E.T.A. Hoffmanns späterer Formel - ein "Leben in der Poesie"
(Schlussformel im "Goldnen Topf"), einen Zustand, der in einer fernen
Zukunft durch das erreichte Ziel der Geschichte nicht mehr
grundsätzlich zu überbieten sein wird. Diese von der
gesellschaftlichen Realität zwischen Französischer Revolution
und Wiener Kongress abgehobene, mit ihr nicht mehr vermittelbare neue
Wirklichkeit hat ihren Ort am oberen Ende der "Himmelsleiter", von der
Hoffmann im Rahmendialog der "Serapions-Brüder" in Bezug auf das
Märchen spricht. Das "Leben in der Poesie" lässt sich kaum
noch neuzeitlich-politisch interpretieren; Ursprungs- und Ziel-Denken
hat sich vor die prinzipiell offene "progressive Universalpoesie"
geschoben. Insofern muss wohl H.R. Jauß' zugespitzte These
korrigiert werden, nichts liege dem frühromantischen Anbruch der
Moderne ferner als die Devise einer Rückkehr zur Natur, als ein
Ursprungsdenken. Die „Forderung nach einer 'Neuen Mythologie', die im
Kreis der Jenaer Romantik erhoben wird“, ist zunächst „Ausdruck
einer Sehnsucht nach Unmittelbarkeit", nach "vorrationaler Einheit von
Mensch und Natur" (P. Bürger, Über den Umgang mit dem andern
der Vernunft, in: Mythos und Moderne, hg. v. K.H. Bohrer, Frankfurt am
Main (es 1144) 1983, S. 46); Mythologie fungiert als in "Geschichte"
transformierte "Natur" ("Natur" im emphatischen Sinne Rousseaus).
Nach einer Reihe von technischen bzw.
technologischen Revolutionen ist es für uns heute kaum begreifbar,
dass die Intellektuellen der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert
Mythologie und Physik in einem Atemzug nennen können. Fr. Schlegel
(u.a. in der "Rede über die Mythologie"), Novalis in seinen
mehrere hundert Seiten umfassenden naturwissenschaftlichen und
technischen Schriften und Fragmenten und Schelling im Ältesten
Systemprogramm und z.B. in der Schrift "Von der Weltseele" (Untertitel
"eine Hypothese der höheren Physik") sehen nicht nur die neue
Poesie, sondern gerade auch die zeitgenössischen
Naturwissenschaften auf dem Weg zur real verwirklichten Utopie und
entsprechen damit durchaus dem damals erreichten neuesten Stand der
Forschung (s. G. Schulz, Einleitung zu den naturwissenschaftlichen
Studien des Novalis. Schriften Bd. 3, S. 6): Die Frühromantiker
gehen davon aus, dass sich aus dem "großen Phänomen des
Zeitalters", dem "Idealismus", ein neuer, "grenzenloser Realismus"
entwickeln wird. "Alle Wissenschaften und Künste wird die
große Revolution ergreifen. Schon seht ihr sie in der Physik
wirken [...]" (Fr. Schlegel, Rede über die Mythologie, S. 498f.).
Im Jahr 1800 war wohl noch nicht zu erkennen, dass sich diese Prognose
im Laufe des bevorstehenden Jahrhunderts der industriellen Revolution
als Illusion herausstellen würde.
Erst in "Baudelaires Absage an die
rousseauische Natur", seinem "Konzept einer 'surnaturalen' Poesie der
Moderne" (H.R. Jauß, S. 114) ist die innere
Widersprüchlichkeit des romantischen Konzepts der Neuen Mythologie
als moderner Poesie beseitigt. Hier ist es dann "die ästhetische
Sensibilität allein, die den modernen Menschen über seine
gefallene Natur erhebt und ihn auf einem Stufengang der Imagination zur
'Vervielfältigung seiner Individualität' gelangen lässt.
Das steht im eklatanten Widerspruch zu Rousseaus These, der Mensch sei
von Natur aus gut, die Baudelaire als Quelle aller späteren
Irrtümer ansah, die über die Natur als letztem Ursprung des
Guten und Schönen noch im Umlauf seien" (H.R. Jauß, S. 114).
Auf halbem Wege nun zwischen dem
frühromantischen Aufbruch der "progressiven Universalpoesie" auf
der Basis des "ursprünglichen Chaos der menschlichen Natur", das
in der Neuen Mythologie wiederkehren soll, und Baudelaires
Antinaturalismus als Basis der Poesie der Moderne steht E.T.A.
Hoffmanns poetisches Konzept des "Märchens der neuen Zeit"
(Untertitel des "Goldnen Topfs"), der "Himmelsleiter" des
Märchens, "auf der man hinaufsteigen will in höhere Regionen"
in ein surreales, "fantastisches Zauberreich", die aber ebenso
"befestigt sein müsse im Leben" (E.T.A. Hoffmann, Die
Serapions-Brüder, S. 599).
Einerseits greift Hoffmann, zuerst im
"Goldnen Topf", die Novalissche Tradition der neuen Ursprungs- und
-Ziel-Mythologie auf, indem er in den "Goldnen Topf" als
Binnenerzählung die Atlantis-Mythe einfügt, die von der
Kosmogonie bis zum wiedergefundenen Paradies reicht. In anderen
Märchen, z.B. der "Prinzessin Brambilla", verfährt er
ähnlich. Es wird deutlich: Der Wunschtraum vom mythischen
"heiligen Einklang aller Wesen als tiefstem Geheimnis der Natur" (GT =
„Der goldne Topf“, Reclam S. 130) wird auch hier noch geträumt -
aber gewissermaßen als Novalis-Zitat, verbunden mit dem
Bewusstsein, dass es sich um einen psychischen Vorgang handelt, um eine
"Vision" (129), die leider vorübergeht und immer auch
bürgerlich-rational wegzuerklären ist. Der "Goldne Topf"
endet konsequent mit der Frage nach dem "Leben in der Poesie", nicht
mit der fertigen Antwort auf die Frage. Nicht die gelungene Synthese,
die Vermittlung von bürgerlichem Leben und mythisch-idealischer
Existenz steht am Ende, sondern die Sehnsucht, Qual und Verzweiflung
des in den "Armseligkeiten des bedürftigen Lebens befangenen"
Erzählers (130). Vermittlung utopischer Existenz ist nicht lebbar,
sie würde Tod (z.B. in den "Bergwerken zu Falun") oder Wahnsinn
(z.B. im "Einsiedler Serapion") bedeuten (in: Die
Serapions-Brüder, S. 171ff. und 17ff.). Andererseits gibt es
für Hoffmann im Alltag seiner Zeit doch so etwas wie "Vermittlung"
zwischen äußerer und mythischer Wirklichkeit, allerdings auf
eine gänzlich andere Weise, als sie den Jenaer Romantikern
vorschwebte. Es ist nicht mehr nötig, die Welt zu romantisieren -
sie ist bereits verzaubert, und zwar unübersehbar, in gigantischem
Ausmaß: In der Gestalt Napoleons und in der Zeit der
napoleonischen Kriege hat sich gezeigt: "Diese Zeit hegt nicht allein
den uns angeborenen Sinn für Wunderbares, [...] nein - sie tat
mehr; sie überflügelte mit dem Ungeheuren, was sie geschehen
ließ, unsere kühnste Einbildungskraft [...] " (E.T.A.
Hoffmann, Der Dey von Elba in Paris, in: E.T.A. Hoffmanns
Sämtliche Werke, hg. u. eing. v. R. Frank. Bd.8,
München/Leipzig 1924, S. 479). Dresden 1813, Napoleon mit seinen
Truppen als Besatzung oder vor den Toren der Stadt, die "Bataille de
Dresde" Ende August - das ist einerseits die äußere,
sichtbare, normal erklärbare Welt; andererseits lassen die
dramatischen Zeitereignisse keinen Zweifel daran, dass all das
unmittelbar einen phantastischen, "ungeheuren" Charakter hat. Und eine
andere "Duplizität" hat hier ihre Gültigkeit: Die
Zeitgenossen haben in den Jahren zwischen 1805 und 1815 in Napoleon den
Umschlag eines realutopisch - gut erscheinenden Phänomens in ein
dämonisch-böses erfahren. Die "echten Gespenstergeschichten"
entstehen nicht als Fiktion, sondern ganz real durch "das Elend, das
große und kleine Tyrannen schonungslos mit dem teuflischen Hohn
der Hölle schaffen" (Die Serapions-Brüder, S. 928).

Eine derartige "Wiederverzauberung der Welt", wie sie in der zweifachen
"Duplizität" der Wirklichkeit sichtbar wird, ist mit den
idealistischen Begriffen "Vermittlung" und "Synthese" nicht zu
erfassen. Hoffmanns Weltsicht, wie sie dem Leser seiner
Erzählungen entgegentritt, ist die einer "Enantiosemie", einer
"Zweieinheit" (Johann Arnold Kanne, romantischer Mythostheoretiker).
Alles bedeutet auch sein Gegenteil, alles ist sein Gegenteil. Das Reale
ist mythisch, das Phantastische real; das
Utopisch-Glückverheißende entpuppt sich als
zerstörerisch, die entfremdete bürgerliche Existenz
lässt sich auch als eine in paradiesischer "Glückseligkeit"
verstehen (7; s. insgesamt das Motiv des "Linkeschen",
bieder-bürgerlichen "Paradieses"). Das gilt für den Bereich
der großen Politik wie für den privaten Bereich: Julia Marc
in Bamberg erscheint einerseits als "Dämon" und im Zusammenhang
damit scheint der Aufruf "O Stanas - Satanas -" angebracht (Hoffmanns
Tagebuch-Eintrag vom 19. Januar 1812, in: E.T.A. Hoffmann,
Tagebücher, hg. v. Fr. Schnapp, München 1971, S. 130 ff.);
auf der anderen Seite ist sie "das Engelsbild aller Herzensgüte,
aller Himmelsanmuth" (Brief vom 31. Mai 1820 an Speyer, in: E.T.A.
Hoffmanns Briefwechsel. 3 Bde. hg. v. Fr. Schnapp, München
1967-1969, Bd.2, S. 246 ff.). Liebe bedeutet Himmel und Hölle,
höchstes Glück und Vernichtung in einem. Und literarische
Metaphern im "Goldnen Topf" wie die des "Kristalls" verweisen
einerseits auf Reinheit, Schönheit, Vergeistigung
("Kristallglocken"), andererseits auf Gefangensein im
Bürgerlichen, Materiellen ("Kristallflasche"). Die Phantasie kann
die Bedeutungen als identisch erscheinen lassen, die Ironie zeigt ihre
Unvereinbarkeit.
Mit diesem Konzept ist der Mythos vom
triadischen weltgeschichtlichen Prozess abgelöst durch den Mythos
vom je individuellen Schicksal, das sich an der Übergangsstelle
zwischen Liebe und Vernichtung und zwischen Sehnsuchts-Qual und
"höherm Seyn" abspielt und eine Kette von
Tod-"Wiedergeburt"-Verwandlungen ergibt (vgl. Gotthilf Heinrich
Schuberts Konzeption der „Wiedergeburt“ zu „höherm Seyn“ in und
aus dem Untergang: G.H. Schubert, Ansichten von der Nachtseite der
Naturwissenschaften, in: Die deutsche Literatur. Bd. 5.2, hg. v. H.-E.
Hass, München 1966, S. 1100 ff.). Untergründig wirkt zwar
noch das eschatologische Konzept einer gesamtgeschichtlichen
Entwicklung zum "höhern Seyn" weiter - sonst verböte sich ja
jegliches, wenn auch nur formelhaftes Reden von einem zukünftigen
"Wiederaufleben" "in der allgemeinen Harmonie mit der ganzen Natur"
(87). Die aufklärerische und idealistische Überzeugung von
der notwendigen und möglichen Humanisierung der menschlichen
Lebensverhältnisse auf einen Endzustand hin, die im 19.
Jahrhundert dann einerseits in technischen Fortschritt umkippt und
andererseits in marxistischen bzw. sozialistischen Konzepten
fortbesteht, hat um 1815 noch nicht ganz ihre ursprüngliche Kraft
verloren. Aber die "emanzipatorische Naherwartung" (H. R. Jauß,
S. 108) der Jahre vor 1800 ist geschwunden.
Hoffmann hat bereits als 18jähriger
1794 ein Traumbild gemalt mit dem Titel "Die Phantasie erscheint
Hoffmann zum Troste": darum, um nicht mehr und nicht weniger, wird es
ihm immer wieder gehen, um die Leistung der freigesetzten, zwischen
Utopischem und Dämonischem freischwebenden Phantasie, die
ständig den einen Mythos variantenreich umspielt und neue
Verwandlungen am Umschlagspunkt zwischen den eigentlich miteinander
unvereinbaren und unversöhnlichen Wirklichkeitsbereichen
inszeniert und dadurch "tröstet". Hoffmanns durchgehaltene
Haltlosigkeit auf der "Himmelsleiter" des Märchens, sein
artistisches Schwanken zwischen Oben und Unten, ermöglicht so auf
andere Weise "eine neue Kunst der Moderne, die ihre Vollendung nie
erreichen kann, sondern in der Progression in eine offene Zukunft
suchen muss" (s.o.), nicht im Sinne der Frühromantiker, die durch
die ästhetische Kraft des Subjektiven" (H.R. Jauß, S. 108),
durch die sich selbst unendlich potenzierende Reflexion vom Boden der
empirischen Realität abheben wollen, sondern im Sinne eher einer
zwanghaften, zirkulär verstandenen Wiederkehr des Gleichen:
Für Hoffmann ist die frühromantische "ästhetische Kraft
des Subjektiven" durch das "Objektive" entmachtet, durch "die Zeit",
das "Unerwartete", "Außerordentliche", "Ungeheure, was sie
geschehen ließ" (s.o.). Was bleibt der Phantasie zu tun
übrig, wenn die politischen (und privaten) Ereignisse "unsre
kühnste Einbildungskraft" übertreffen, indem sie uns
"gewaltsam" "bis in schwindelnde Höhe" emporreißen? In
dieser - wie es scheint - noch nie dagewesenen Situation ist einerseits
ein realistischer Standpunkt angebracht, von dem aus das
Mythisch-Phantastische der beobachtbaren und erlebten Wirklichkeit
beschrieben werden kann. Dann geht es darum, gerade nicht mit der
"Kraft des Subjektiven" immer weiter den "Weg nach innen" zu gehen,
sondern die Realität verstärkt ernstzunehmen. Allerdings -
und das wird gerade an der Entstehung des "Goldnen Topfs" deutlich -
ist das durch äußere "Gewalt" erzeugte
"Schwindelgefühl" keine Phantasie, es bringt keine Poesie hervor.
Erst von der "Himmelsleiter" der Märchen-Phantasie aus lässt
sich nach Hoffmanns Auffassung die mythische Dimension der
Realität wirklich als solche erkennen und beschreiben. Das ist
möglich, weil der "innre Sinn" (130) im feenhaften Reiche voll
herrlicher Wunder" nicht nur ein mysterium fascinosum, "die
höchste Wonne", erfährt, sondern bereits dort ebenso mit dem
mysterium tremendum, dem "tiefsten Entsetzen in gewaltigen
Schlägen"; konfrontiert wird (35). Darin vermag der "innre Sinn"
dann das in der äußeren Realität Erlebte, aber noch
nicht Verarbeitete "wiederzuerkennen" (36). Die mytisch-phantastische
Qualität der Realität ist eine Tatsache, aber sie erzeugt
für das Alltagserkennen nur Schwindel; Erkenntnis bietet erst die
Phantasie.
Die Phantasie allerdings muss große
Anstrengungen auf sich nehmen, wenn sie auch auf der emotionalen Ebene
- als "kühnste Einbildungskraft" - den Wettkampf mit der
gewaltsamen "natürlichen" Wirkungskraft der puren Fakten gewinnen
will. Das fällt ihr schwer, weil sie immer wieder gezwungen ist,
von der "Basis" der "Himmelsleiter" auszugehen; es gelingt ihr, wenn
sie äußerste "Künstlichkeit", ja, Artistik,
möglichst am oberen Ende der "Himmelsleiter aufwendet. Und immer
neu muss das doppelte Problem bewältigt werden, dass das
bürgerliche Normalverhalten gegenüber der Realität weder
panischer Schrecken und Schwindelgefühl, sondern schlichte, als
Rationalität maskierte Gleichgültigkeit ist und dass - auf
der anderen Seite - "mancher gar nicht die Leiter der Phantasie
besteigen mag, weil das Klettern einem verständigen gesetzten
Manne nicht ziemt, mancher schon auf der dritten Sprosse schwindlich
wird, mancher aber auch wohl die auf der breiten Straße des
Lebens befestigte Leiter, bei der er täglich, ja stündlich
vorübergeht, gar nicht bemerkt" (Die Serapions-Brüder, S.
599). Die Paulmänner lassen sich höchstens im Alkoholrausch
einmal aus der Ruhe bringen (9. Vigilie). Das ästhetische Mittel,
auch sie mit einzubeziehen, ist vielleicht die Ironie, die zum
verständnisvollen Lächeln oder zum höhnischen Lachen
reizende Unverträglichkeit der beiden Perspektiven, der
Normalperspektive der bürgerlichen Eindimensionalität und der
mythisch-phantastischen Perspektive.
"Wie kann der Mensch in der modernen
Welt, angesichts seiner entzweiten Existenz als homme civil, die
verlorene Ganzheit des homme naturel wiederfinden und damit die Chance
seines Glücks wiedergewinnen?" (H.R. Jauß, S. 105) E.T.A.
Hoffmann scheint von einer Antwort auf diese Grundfrage der Moderne
weiter entfernt als die Frühromantiker mit ihrem Konzept einer
Neuen Mythologie. Kaum jemand im Bereich der deutschen Romantik hat zu
"Ganzheit", zum "homme naturel" eine größere Distanz als er
- gerade auch dort, wo er, wie in der "Vision" von Anselmus als einem
homme naturel in Atlantis, künstliche (!) Exotik inszeniert. Erst
Baudelaires Ästhetik der modernité geht noch einen Schritt
weiter, indem sie die sehnsuchtsvolle Rückerinnerung an "Natur"
und "Ursprung" endgültig aufzugeben versucht. Aber die Diagnose
der "entzweiten Existenz" in der modernen Welt und die Frage nach der
"Chance des Glücks" bleibt auch dort. Die Antwort soll jetzt erst
recht die Kunst geben.
E.T.A. Hoffmanns "Märchen aus der
neuen Zeit" und seine Erzählungen können im historischen
Zusammenhang so gesehen werden, dass sie den Blick schärfen
für die Wahrnehmung des Unerträglichen,
Phantastisch-Ungeheuren der Realität und für die
Notwendigkeit, die Erkenntnisfähigkeit der Phantasie
ernstzunehmen. Sie taugen jedoch nicht als Mittel zur
"Wiederverzauberung" der Welt, so "golden"-schön und vollkommen
sie zum Teil erscheinen mögen - weder zur ideologischen
"Wiederverzauberung" der vorgefundenen entfremdeten Wirklichkeit noch
zur illusorischen Hoffnung auf eine wiederverzauberte "neue Welt". Der
Gebrauch der Phantasie nicht als Fantasy-Produzent, sondern als
schöpferisches und gegenüber Realität und Idealität
kritisches Erkenntnis- und Kontroll-Organ - das lässt sich von
E.T.A. Hoffmann lernen.
© Dieter Schrey 1987/2006
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