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Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1814)

DER GOLDNE TOPF. Ein Märchen aus der neuen Zeit

Erläuterungen zur ersten Vigilie

Offensichtlich stellen die ersten drei Vigilien so etwas wie eine Exposition dar: die Personen und ihre Interessen, Probleme und ersten Irritationen werden vorgeführt. Vor allem geht es um die Initiation in das Gegeneinander und Miteinander von "gewöhnlichem Leben" und "Fabulosem", die neue Entdeckung Hoffmanns (Brief an seinen Verleger Kunz, 4.3.1814), die ihren Ausdruck bereits im Untertitel des Märchens findet und zunächst vom damaligen und heutigen Märchenleser mit Verwunderung oder Befremden zur Kenntnis genommen wird. Denn das Es-war-einmal-Märchen und die genau lokalisierte, wenigstens scheinbar auch genau datierte "neue Zeit" vertragen sich ja eigentlich nicht miteinander.
 
 

E.T.A. Hoffmanns Doppelter Dualismus




1.
Die drei Szenen der ersten Vigilie (Schwarzes Tor - Linkisches Bad - Holunderbaum) spielen in vier verschiedenen, ineinander übergehenden Welten,


2.
Durch den Untertitel ("Märchen aus der neuen Zeit") wird der Blick des Lesers auf die Tatsache des Ineinanders zweier Handlungsorte/-bereiche/ Welten gelenkt. Die nähere inhaltliche Erschließung der mythischen Ebene führt über den Text hinaus. So ist der "Fall ins Kristall" (5,21 f.) von der ersten Vigilie an weder wörtlich noch nur metaphorisch zu verstehen. Von Anfang an verweist die Bezeichnung des Anselmus als "Satanskind" auf den biblisch-mythischen Sündenfall, den der "Teufel"/"Satan" herbeiführt. Hier erweist sich eine nähere Untersuchung der Tolpatschigkeit als notwendig, die Anselmus im Selbstgespräch unter dem Holunderbaum reflektiert. Es stellt sich heraus, daß sich der Student bereits von Anfang an selber als "Satanskind" versteht, denn er erwähnt sechsmal den "Teufel" oder den "Satan" (8,10; 8,21; 8,29; 9,9 als "Mops" im Anklang an Mephistos erstes Auftreten im "Faust"; 9,17; 10,15), der ihm seine Tolpatschigkeit "in den Kopf setzt" (8,22), der ihn auch direkt in den "Äpfelkorb" geführt hat (10,15 f.), so daß wirklich gilt, was der Geheimrat ausruft: er "ist des Teufels" (9,16 f.). Offensichtlich hat ihn der Teufel schon immer oder seit längerer Zeit geführt und verführt - ganz besonders aber "am Himmelfahrtstage" (5,4) in Gestalt des Äpfel anbietenden, also in der Rolle der Eva (bzw. der Schlange) auftretenden alten Weibs.

Zwei Fragen stellen sich hier: Was ist das für ein Paradies, von dem Anselmus in der ersten Vigilie ferngehalten wird? Und welche Macht, welches Prinzip steht hinter dem so häufig apostrophierten "Satan" und dem Weib als "Satans-Geburt" (108,30)?
 

3.
Das Paradies, dem des Anselmus Wünschen und Sehnen gilt, ist das "Linkische Paradies" (7,9) mit seiner bürgerlichen "Gemütlichkeit" (9,23) und "Glückseligkeit" (7,8). Es ist auf scheinbar ganz normal-bürgerlichem Wege zu erreichen, und eigentlich befinden sich auch alle anderen Menschen außer Anselmus darin.

Der Erzähler ironisiert zwar die Sehnsucht des Studenten nach der biederen Bürgerlichkeit, aber nicht mit beißendem Spott, sondern eher mit verständnisvoller Ironie. Anselmus ist jedoch in seinem Inneren nicht nur von dem selbstverständlich scheinenden Hang zu den "geträumten Genüssen" (7,7) bestimmt, sondern auch von einem entgegengesetzten, "satanischen" Prinzip, er wird immer wieder zu Verstößen (nicht gegen ethische oder religiöse, sondern) gegen bürgerliche Normen (der Kleidung, der öffentlichen Ordnung usw.) verführt, mit der Folge der Verstoßung aus dem Paradies der idyllischen Bürgerwelt: des Anselmus erster "Fall".
 

4.
Aus der ersten Vigilie läßt sich die Frage, welches Prinzip hinter dem Äpfelweib steht, nicht beantworten. Ein Vorgriff auf die zehnte Vigilie, die den zweiten, den eigentlichen "Fall" des Studenten bzw. die Folgen des "Falls" behandelt, ergibt den paradoxen Sachverhalt, daß Anselmus hier (10. Vigilie) genau in die Welt hineinfällt, aus der er nach dem ersten "Fall" verstoßen worden ist, die Welt, in der "man" (die Kreuzschüler und Praktikanten z.B.) sich an "Doppelbier", "hübschen Mädchen" und "Singen" orientiert (106,24 ff.), genau wie im Linkeschen Bad. Diesen "Fall ins Kristall" hat das Äpfelweib von Anfang an im Auge gehabt (108,9 ff.). Die in der 10. Vigilie dargestellte phantastische Welt, die Flaschen-Welt, ist nur die dämonisierte Form der Bürgerwelt mit ihren leeren Konventionen und ihrem Leistungsprinzip, demgegenüber Anselmus ja versagt, und diese schreckliche Gesellschaftsverfassung ist wiederum nur das verkehrte Spiegelbild der idyllischen Bürgerwelt mit ihrem Konsumversprechen.
 

5.
Warum aber vertreiben "Satan" und Hexe dann den Anselmus zunächst aus dem Bürgerparadies, wenn sie letztendlich nichts anderes wollen, als ihn dorthin festzubannen? Den Vertretern des dämonischen Prinzips geht es um einen letzten (?) Entscheidungskampf, in dem sie Anselmus als Mittel zum Zweck einsetzen, als trojanisches Pferd, um in den innersten Bereich der Phantasiewelt einzudringen, dort den "Goldnen Topf" - das Sinnbild der phantastischen Welt - zu erobern und so endgültig die Konkurrenz der Phantasie auszuschalten. Das Märchen "Der Goldne Topf" stellt sich auf diese Weise als die Geschichte eines Kampfes heraus. Ein wirkungsmächtiger "Metallspiegel" wäre der "Goldne Topf" ja allemal noch, wenn die Hexe ihn rauben könnte. Derart in den Dienst der in Schrecken und Traumerfüllung "ungeheuren", "gewaltsamen" Wirklichkeit gestellt, würde er großes Unheil anrichten: er würde die Menschen "schwindlig" machen, d.h. orientierungslos, aber euphorisch. Das kreative Prinzip der Erzeugung von Gegenwelten, die Phantasie, wäre nicht mehr da, um das Unglück zu verhindern.
 

6.
Zurück zur ersten Vigilie: Des Anselmus Qual nach dem Verlust des Bürger-Paradieses schlägt unvermittelt um in die Vision des utopisch-phantastischen Paradieses, die zwar zunächst - außer mit "einem nie gekannten Gefühl der höchsten Seligkeit" - mit dem Empfinden des "tiefsten Schmerzes" (12,1 f.) verbunden ist, den Studenten aber doch auf den Weg seiner "Himmelfahrt" bringt. Ohne das Dazwischentreten des dämonisch-teuflischen Äpfelweibs hätte Anselmus nicht zum Holunderbaum gefunden. Das heißt: Der Weg zum Guten/Utopischen verläuft über das Böse/Dämonische, und aus Qual entsteht Seligkeit. Und außerdem ist auch das utopische Prinzip eine verführerische Macht, das Schlänglein (!) Serpentina entspricht also dem Äpfelweib. Allerdings will Serpentina nicht zu Sündenfall und "Höllenfahrt", sondern zur "Himmelfahrt", zum erneuerten Paradies verführen.
 

7.
Bereits in der 1. Vigilie wird also deutlich: