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Was es bedeuten mag, von einem "Mythos
Dresden" zu sprechen, dieser Stadt eine bestimmte "mythische"
Qualität zuzuschreiben, das zeigt in besonderer Weise der
romantische Dichter E.T.A. Hoffmann in Erzählungen,
Tagebuch-Aufzeichnungen und Briefen der Jahre 1813 und 1814. In dieser
Zeit, in den Wirren der Befreiungskriege, erlebt er Dresden nicht als "paradiesische
Gefilde" wie 10 Jahre zuvor, sondern als Schauplatz
eines politischen und militärischen Geschehens von dämonischer
Relevanz. Spätestens seit der französischen
Niederlage bei Leipzig erscheint Napoleon dem Dichter als "Tyrann"
("Die Vision auf dem Schlachtfelde bei Dresden", 1813) und "Dämon"
(in mehreren Werken), als "der schwarze Drache" ("Goldner Topf", Reclam
S. 89), der sich aus den "Abgründen" in "die Lüfte" erhoben
hat und in absoluter Machtbesessenheit die Welt zerstören
würde, wenn er nicht "in Ketten gebunden gehalten" würde (S.
86).
Seine Erfahrungen des Jahres 1813
drückt Hoffmann allgemeiner aus, wenn er den Dämon "Zeit"
am Werke sieht: "Wahrhaftig, die große,
verhängnisvolle Zeit, die mit furchtbaren, zerschmetternden
Donnerschlägen vorüberging, [...] überflügelte mit
dem Ungeheuren, das sie geschehen ließ, unsre kühnste
Einbildungskraft" (E.T.A. Hoffmann, Der Dey von Elba, 1815). In dieser
Situation ist es niemandem mehr möglich, sich "auf dem wogenden
Meer der politischen Welt" einfach "hin- und hertreiben" zu lassen.
Politik ist totalitär geworden, das ist Hoffmanns Dresdner
Erfahrung.
E.T.A. Hoffmanns "Mythos Dresden"
ist die Geschichte vom Versuch des Dichters (Musikers, Malers), sich
der totalen Überwältigung durch die Politik entgegenzustellen
und von der Kunst aus, mit den Mitteln der Phantasie, den "Kampf"
aufzunehmen:
"Das wunderbare Utopien liegt [...]
dicht vor unseren Füßen" (Tieck); die alltägliche
Realität hat, wenigstens stellenweise, mehr zu bieten als nur die
öde Langeweile des Bürgerlebens: Die Stadt Dresden in ihrer
"paradiesischen" Schönheit beweist, dass die romantische Rede von
einer "Präsenz des Wunderbaren im Gewöhnlichen,
des Unendlichen im Endlichen", kein leeres Gerede ist.
Diese utopisch-phantastische
Realität verkehrt sich aber von einem Augenblick zum andern in ihr
genaues Gegenteil; gerade im Wunderbaren ereignet sich der
Umschlag ins Furchtbare, ins Dämonisch-Phantastische. Was Hoffmann
1813 in Dresden in Gotthilf Heinrich Schuberts "Ansichten von der
Nachtseite der Naturwissenschaften" (1808 in Dresden entstanden und
erschienen) liest und als "geniale" Einsicht preist, das erlebt
er zu gleicher Zeit in der Wirklichkeit, dass
nämlich "gerade in der Glut der seligsten und am meisten
erstrebten Augenblicke des Daseins, dieses sich selber auflöst und
zerstört. Es welkt die Blume sogleich, wenn der höchste
Augenblick des Blühens vorüber ist". Die Wirklichkeit
Dresdens 1813: "Der Kampf um Dresden dauert drei Tage (25.8. -
28.8.1813); die Stadt erlebt die größte Kanonade ihrer
bisherigen Geschichte. Auf dem Schlachtfeld bleiben einige zehntausend
Tote zurück." (Safranski S. 283)
Dresden bzw. Sachsen steht als
verbündete Macht auf der Seite Napoleons, gegen Preußen,
Russland und Österreich. Auch Hoffmann "vertraut [zunächst]
ganz auf das Glück von Napoleons Waffen - sonst sind
wir verloren" (in einem Brief). Im ersten Satz der Erzählung "Der
Dichter und der Komponist" gilt die Anti-Napoleon-Koalition als "der
Feind" - im letzten Satz ist dies dann erstaunlicherweise Frankreich
mit seinen Verbündeten. Umgekehrt erscheint in der
Dezember 1813 entstandenen Erzählung "Vision auf dem Schlachtfelde
bei Dresden" der Gegner des "Tyrannen" Napoleon zunächst als
"fürchterlicher riesiger Drache" mit "entsetzlichem Haupt" und
"glühendem schuppigen Schlangenleib"; als der Ich-Erzähler
dann nach der Schlachtfeld-Vision, am Ende der
Erzählung, wieder in seine "friedliche Wohnung" zurückgekehrt
ist, zeigt sich ihm der fürchterliche Rache-Drache - in einer
andersartigen Vision - als "das glänzende Sternbild der
Dioskuren", als "die strahlenden Helden, die Söhne der
Götter: Alexander [russischer Zar] und Friedrich Wilhelm
[König von Preußen]" - aber ironischerweise "war es" dem
Ich-Erzähler nur so, "als sei" es in der politischen Wirklichkeit
so, wie es gerade den Anschein hat.
"Die Zeit" stellt nach Hoffmanns
Auffassung offensichtlich keine Kriterien mehr zur Verfügung, die
eine standpunktbezogene und wegweisende Wertung des politischen
Geschehens ermöglichen. Hoffmann lässt den Komponisten Ludwig
am Schluss der Erzählung klagen: "Alles Bessere geht unter in dem
reißenden Strom, der die Felder verheerend dahinstürzt; aus
seinen schwarzen Wellen blicken blutige Leichname hervor, und in dem
Grausen, das uns ergreift, gleiten wir aus - wir haben keine
Stütze - unser Angstgeschrei verhallt in der öden Luft -
Opfer der unbezähmbaren Wut sinken wir rettungslos hinab!" Das
Verzweifelte der Situation besteht darin, dass auf umfassende Weise an
die Stelle von Sinnorientierung reine Machtorientierung getreten ist.
In der im Sommer 1813 in Dresden entstandenen Erzählung "Der
Magnetiseur" äußert der Machtmensch Alban: "Alle Existenz
ist Kampf und geht aus dem Kampfe hervor. In einem fortsteigenden
Klimax wird dem Mächtigern der Sieg zuteil, und mit dem
unterjochten Vasallen vermehrt er seine Kraft." Für einen solchen
"Vasallen", der nicht an der Machtausübung beteiligt ist, bleibt
dann im besten Fall eine Existenz als "kränkelnder
Charakterloser", also Identitätsverlust.
E.T.A. Hoffmann hat sein Tagebuch
"Drei verhängnisvolle Monate" wohl deshalb nicht fertiggestellt
und veröffentlicht, weil es in der Unmittelbarkeit und
Authentizität seiner Dokumentation nichts - nichts Poetisierendes,
Romantisierendes - zu bieten hat, was die Leser über das Grauen
des Erlebten hinwegtrösten könnte. Außerdem bleibt auch
nach 1813 bei Hoffmann - im Negativen wie vorher im Positiven - die
Faszination durch den "Dämon Napoleon"; das belegen seine
zahlreichen Napoleon-Karikaturen der Jahre 1814/1815.
Kurze Zeit nach dem Schock der
"verhängnisvollen Monate" bedeutet der "Mythos Dresden" für
den Autor allerdings dann doch wieder "die Zuversicht", dass der
Untergang des "Höchsten" und Schönsten letztlich dazu
führt, "daß wir aus diesem [dem Untergang] zu immer
höherem Streben, immer höherem Sehnen wiedergeboren" werden -
wiederum entsprechend Schuberts "Ansichten von der Nachtseite der
Naturwissenschaften": "Die Glut aber jener höchsten Augenblicke,
welche das Vergängliche an uns verzehrt, weil dieses das Ewige
nicht fassen kann, ist das einzige Unvergängliche in uns"; "eben
die Glut jener zerstörenden Augenblicke [...] erzeugt den Keim
eines neuen höheren Lebens in der Asche des untergegangenen
vorigen" und "gehet mit uns hinüber, durch die Tore eines neuen,
höheren Aufgangs."
Wohin? Von Dresden aus bricht
Theodor Körner auf in den Kampf als Lützower Jäger, in
dem er am 26. August 1813 den Tod findet. Für ihn wie für
viele der Zeitgenossen bietet die Idee des nationalen Befreiungskampfes
eine neue Orientierung. So zieht auch der "Dichter" Ferdinand in
Hoffmanns Erzählung "Der Dichter und der Komponist" mit dem
"Glauben" in den Kampf: "nur die Kraft bringt das Gedeihen - dem Kampfe
entstrahlt das Göttliche, wie dem Tode das Leben!". Offensichtlich
ist dieser "Glaube" eine Mischung aus Schubertscher
Untergang-Wiedergeburt-Philosophie und dem Pathos des von Hoffmanns
Freund Hippel für den preußischen König verfassten
"Aufrufs an mein Volk". Der "Komponist" Ludwig in Hoffmanns
Erzählung - die Identifikationsfigur des sich selber vor allem als
Musiker verstehenden Autors - schließt sich dieser auf den
nationalen Kampf ausgerichteten Devise seines Freundes Ferdinand nicht
an, er hält ihr vielmehr das Pathos der nicht an Macht, sondern an
Liebe als Grundprinzip des Lebens orientierten Schubertschen
Philosophie entgegen: "Ewig verbunden zum höhern Sein im Leben und
Tode!" Der in diesen Ruf einstimmende Ferdinand meint in seiner "wilden
Kampflust" wohl nicht das gleiche.
Der Dichter E.T.A. Hoffmann
versucht, abseits vom politischen und militärischen Geschehen in
seinem künstlerischen Schaffen, vor allem in der
Komposition der dann in Berlin uraufgeführten romantischen Oper
"Undine" (1813/1814) und in seinem "Märchen aus der neuen Zeit.
Der goldne Topf", eine "Himmelsleiter" bereitzustellen, die aus den
"düstern Mauern der Stadt" hinaus- und hinaufführt in ein
"fantastisches Zauberreich", in ein "feenhaftes Reich voll herrlicher
Wunder" ("Goldner Topf", Reclam S. 35), und auf diesem Weg den Sieg der
"inneren" Magie der Liebe und Schönheit über die "von
außen hinein ins Innere" wirkende dämonische Magie der
Macht, Gewalt und Hässlichkeit (Reclam S. 90) aufzuzeigen.
Damit scheint der Kreislauf
vollendet, der nach Auffassung der Romantiker alles Mythische
charakterisiert, der Weg aus der ursprünglich utopischen
(eigentlich aber immer nur nachträglich poetisierten,
ästhetisierten) Realität - über den katastrophalen
"Fall" in die dämonische, zerstörerische Realität -
wieder zurück in die künstlichen Paradiese und paradiesischen
Künste und deren Kunstwerke, die der Phantasie entspringen, aber
aus der Wirklichkeit nicht wegzudenken sind. Die Dresdner romantischen
Dichter, Maler und Musiker haben in ihren Werken diesen mythischen Weg
immer wieder zu rekonstruieren bzw. zu gehen versucht.
Dass auch das Unternehmen der
Ästhetisierung der Wirklichkeit "Kampf" bedeutet - das gehört
bereits zu Hoffmanns Dresdner Erfahrung: "nur dem Kampfe
entsprießt dein Glück im höheren Leben", sagt der
Archivarius Lindhorst zu dem Studenten und angehenden Dichter Anselmus
im "Goldnen Topf" (Reclam S. 67). Allerdings handelt es sich hier um
einen inneren Kampf, um den Widerstand der "inneren Kräfte" gegen
die vielfältigen "Anfechtungen" der "feindlichen Prinzipe"
(a.a.O.). Denken und "Einbildungskraft" werden in den
"verhängsnisvollen Zeiten" durch ständig neue Katastrophen
beansprucht und "gewaltsam emporgehoben". Die Augen werden durch die
"Blitze" der Schreckensmeldungen geblendet und stellen sich im Laufe
der Zeit auf eine Ästhetik des Schreckens ein; sie sind nicht mehr
in der Lage, den "Kristall des milden Morgentaus" "funkeln" zu sehen,
sich also der kreativen, ins Utopische hineinreichenden Phantasie
anzuvertrauen. Darum geht der "Kampf" in "Dresden": dass von dort nicht
"die echten Gespenstergeschichten" erzählt werden müssen, die
"das Entsetzliche [berichten], was sich in der alltäglichen Welt
begibt", sondern dass Geschichten von "Atlantis", wie Hoffmanns
Märchen "Der goldne Topf", erzählt werden können.
(zu zwei biografischen Texten Hoffmanns - Dresden 1813)
© Dieter Schrey 1995/2006
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