|
Zu: E.T.A. Hoffmann, "Der
Dichter und der Komponist"
Der Text ist ein szenisch
eingekleideter kunsttheoretischer Dialog über die romantische Oper
im Zusammenhang des Verhältnisses von Kunst und Leben
(Politik/Krieg). Die Rahmenhandlung geht zurück auf die
unerwartete Begegnung der beiden Jugendfreunde Hoffmann (Ludwig?) und
Theodor Gottlieb Hippel (Ferdinand?) im Dresdner Linkischen Bad am 26.
April 1813, einen Tag nach Hoffmanns Ankunft in Dresden, nach 9 Jahren
der Trennung – Hippel ist mittlerweile Vortragender Rat beim
Staatskanzler Hardenberg und Verfasser des königlichen Aufrufs „An
mein Volk“ (vgl. Rüdiger Safranski, E.T.A. Hoffmann. Das Leben
eines skeptischen Phantasten, München/Wien 1984, S. 283 ff.).
Wie der Mythos der 3. Vigilie des
"Goldnen Topfs" erzählt auch Ferdinands Kriegs-Mythos vom
verlorenen und in der Zukunft wiederzufindenden Paradies. Aber der
"Sündenfall" besteht nicht, wie in der 3. (und wohl auch 8.)
Vigilie in der Zerstörung der liebenden Alleinheit in der Natur
durch die Unbedingtheit der Liebe und durch "den Gedanken", die
Rationalität, sondern in "träger Untätigkeit", ja,
"Verwahrlosung" der "Kinder der Natur". Gemeint ist wohl das Versinken
in der öden Langeweile der bürgerlichen Normalität, das
Vergessen des "feenhaften Reichs der Wunder" in der Innen- und
Außenwelt (das "Nicht-mehr-Glauben" an die "Mutter"), der
"einfältige Mutwille", mit dem nun auch Zerstörungen
angerichtet werden.
Allerdings mutet es befremdlich an,
wenn nun der "kosmische Moment" (G.H. Schubert) der
äußersten Langeweile und Trägheit und des "Unglaubens"
den personifizierten "Krieg" (den „Dämon“/„Drachen“ Napoleon)
erzeugt. Zwar ist nicht der Krieg der Retter in der Not, im Gegenteil,
er treibt die Menschen erst in die tiefste Not, aber nur durch ihn, aus
ihm kann sich die Gegenkraft entwickeln: "dem Kampfe entstrahlt das
Göttliche, wie dem Tode das Leben". Der Zusammenhang mit Schubert
ist deutlich. Die Textstelle zeigt die möglichen Konsequenzen
einer Ästhetisierung des Kampfes. Aus solchen Sätzen, die vor
dem Hintergrund der so genannten Befreiungskriege formuliert sind,
lassen sich bereits faschistische Töne heraushören.
Es bleibt m.E. eine offene und damit
spannende Frage, ob auch Ludwig zum Schluss, indem er seinem
kriegsbegeisterten Freund mit einer philosophischen Parole (à la
Schubert) antwortet, das gleiche meint wie Ferdinand, der sie als
Zusammenfassung seines Mythos versteht. Hoffmann jedenfalls probiert
auch Ferdinands "ungeheuren" Standpunkt aus - mit einem "gewissen
unbehaglichen Gefühl" gegenüber "Fremdartigem".
(D.S.)
(zurück zur Interpretation "Der goldne
Topf"/Einleitung)
E.T.A. Hoffmann (1813)
DER DICHTER UND DER KOMPONIST
Der Feind war vor den Toren, das
Geschütz donnerte ringsumher, und feuersprühende Granaten
durchschnitten zischend die Luft. Die Bürger rannten mit von Angst
gebleichten Gesichtern in ihre Wohnungen, und die öden
Straßen erhallten von dem Pferdegetrappel der Reiterpatrouillen,
die dahersprengten, und fluchend die zurückgebliebenen Soldaten in
die Schanzen trieben. Nur Ludwig saß in seinem
Hinterstübchen, ganz vertieft und versunken in die herrliche,
bunte, fantastische Welt, die ihm vor dem Flügel aufgegangen; er
hatte soeben eine Symphonie vollendet, in der er alles das, was in
seinem Innersten erklungen, in sichtbarlichen Noten festzuhalten
gestrebt, und es sollte das Werk, wie Beethovens Kompositionen der Art,
in göttlicher Sprache von den herrlichen Wundern des fernen,
romantischen Landes reden, in dem wir in unaussprechlicher Sehnsucht
untergehend leben; ja es sollte selbst, wie eines jener Wunder, in das
beengte dürftige Leben treten, und mit holden Sirenenstimmen die
sich willig Hingebenden hinauslocken. Da trat die Wirtin ins Zimmer,
scheltend, wie er in dieser allgemeinen Angst und Not nur auf dem
Flügel spielen könne, und ob er sich denn in seinem
Dachstübchen totschießen lassen wolle. Ludwig begriff die
Frau eigentlich nicht, bis in dem Augenblick eine daherbrausende
Granate ein Stück des Dachs wegriß, und die Fensterscheiben
klirrend hineinwarf; da rannte die Wirtin schreiend und jammernd die
Treppe hinab, und Ludwig eilte, sein Liebstes, was er nun besaß,
nämlich die Partitur der Symphonie, unter dem Arm tragend, ihr
nach in den Keller. Hier war die ganze Hausgenossenschaft versammelt.
In einem Anfall von Liberalität, die ihm sonst gar nicht eigen,
hatte der im untern Stock wohnende Weinwirt ein paar Dutzend Flaschen
seines besten Weins preisgegeben, die Frauen brachten, unter Zittern
und Zagen, doch, wie immer auf des Leibes Nahrung und Notdurft sorglich
bedacht, manches köstliche Stück aus ihrem Küchenvorrat
im zierlichen Strickkörbchen herbei; man aß, man trank - man
ging aus dem durch Angst und Not exaltierten Zustand bald über in
das gemütliche Behagen, wo Nachbar an Nachbar sich schmiegend,
Sicherheit sucht und zu finden glaubt, und gleichsam jeder kleinliche
künstliche Pas, den die Konvenienz gelehrt, in dem großen
Dreher untergeht, zu dem des Schicksals eherne Faust den gewaltigen
Takt schlägt. Vergessen war der bedrängte Zustand, ja die
augenscheinliche Lebensgefahr, und muntere Gespräche ergossen sich
von begeisterten Lippen. Hausbewohner, die, sich auf der Treppe
begegnend, kaum den Hut gerückt, saßen Hand in Hand
beieinander, ihr Innerstes in wechselseitiger, herzlicher Teilnahme
aufschließend. Sparsamer fielen die Schüsse, und mancher
sprach schon vom Heraufsteigen, da die Straße sicher zu werden
scheine. Ein alter Militär ging weiter, und bewies soeben, nachdem
er zuvor über die Befestigungskunst der alten Römer und
über die Wirkung der Katapulte ein paar lehrreiche Worte fallen
lassen, auch aus neuerer Zeit des Vauban mit Ruhm erwähnt,
daß alle Furcht unnütz sei, da das Haus ganz außer der
Schußlinie liege - als eine anschlagende Kugel die Ziegelsteine,
womit man die Zuglöcher verwahrt, in den Keller schleuderte.
Niemand wurde indessen beschädigt, und als der Militär mit
dem vollen Glase auf den Tisch sprang, von dem die Ziegelsteine die
Flaschen hinabgeworfen, und jeder fernern Kugel Hohn sprach, kehrte
allen der Mut wieder. - Dies war indessen auch der letzte Schreck; die
Nacht verging ruhig, und am andern Morgen erfuhr man, daß die
Armee eine andere Stellung genommen, und dem Feinde freiwillig die
Stadt geräumt habe. Als man den Keller verließ,
durchstreiften schon feindliche Reiter die Stadt, und ein
öffentlicher Anschlag sagte den Einwohnern Ruhe und Sicherheit des
Eigentums zu. Ludwig warf sich in die bunte Menge, die, auf das neue
Schauspiel begierig, dem feindlichen Heerführer entgegenzog, der
unter dem lustigen Klange der Trompeten, umgeben von glänzend
gekleideten Garden, eben durch das Tor ritt. -
Kaum traute er seinen Augen, als er unter
den Adjutanten seinen innig geliebten, akademischen Freund Ferdinand,
erblickte, der in einfacher Uniform, den linken Arm in einer Binde
tragend, auf einem herrlichen Falben dicht bei ihm
vorüberkurbettierte. „Er war es - er war es wahr und wahrhaftig
selbst!" rief Ludwig unwillkürlich aus. Vergebens suchte er dem
Freunde zu folgen, den das flüchtige Roß schnell davontrug,
und gedankenvoll eilte Ludwig in sein Zimmer zurück: aber keine
Arbeit wollte vonstatten gehn, die Erscheinung des alten Freundes, den
er seit Jahren ganz aus dem Gesichte verloren, erfüllte sein
Inneres, und wie in hellem Glanz trat die glückselige Jugendzeit
hervor, die er mit dem gemütlichen Ferdinand verlebt. Ferdinand
hatte damals keinesweges irgendeine Tendenz zum Soldatenstande gezeigt;
er lebte ganz den Musen, und manches geniale Erzeugnis beurkundete
seinen Beruf zum Dichter. Um so weniger begreiflich war daher Ludwigen
die Umformung seines Freundes, und er brannte vor Begierde, ihn zu
sprechen, ohne zu wissen, wie er es anfangen solle ihn aufzufinden. -
Immer lebendiger und lebendiger wurde es nun am Orte, ein großer
Teil der feindlichen Armeen zog durch, und an ihrer Spitze kamen die
verbündeten Fürsten, welche sich daselbst einige Tage Ruhe
gönnten. Je größer aber nun das Gedränge im
Hauptquartier wurde, desto mehr schwand Ludwigen die Hoffnung, den
Freund wiederzusehen, bis dieser endlich in einem entlegenen, wenig
besuchten Kaffeehause, wo Ludwig sein frugales Abendbrot zu verzehren
pflegte, ihm ganz unerwartet mit einem lauten Ausruf der innigsten
Freude in die Arme fiel. Ludwig blieb stumm, denn ein gewisses
unbehagliches Gefühl verbitterte ihm den ersehnten Augenblick des
Wiederfindens. Es war ihm, wie manchmal im Traume man die Geliebten
umarmt, und diese sich nun schnell fremdartig umgestalten, so daß
die schönsten Freuden schnell untergehen, im höhnenden
Gaukelspiel. - Der sanfte Sohn der Musen, der Dichter manches
romantischen Liedes, das Ludwig in Klang und Ton gekleidet hatte, stand
vor ihm im hohen Helmbusch, den gewaltigen, klirrenden Säbel an
der Seite, und verleugnete selbst seine Stimme im harten, rauhen Ton
aufjauchzend! Ludwigs düsterer Blick fiel auf den verwundeten Arm
und glitt hinauf zu dem Ehrenorden, den Ferdinand auf der Brust trug.
Da umschlang ihn Ferdinand mit dem rechten Arm, und drückte ihn
heftig und stark an sein Herz. „Ich weiß", sagte er: „was du
jetzo denkst, was du empfindest bei unserm Zusammentreffen! - Das
Vaterland rief mich, und ich durfte nicht zögern, dem Rufe zu
folgen. Mit der Freude, mit dem glühenden Enthusiasmus, den die
heilige Sache entzündet hat in jedes Brust, den die Feigherzigkeit
nicht zum Sklaven stempelt, ergriff diese Hand, sonst nur gewohnt den
leichten Kiel zu führen, das Schwert! Schon ist mein Blut
geflossen, und nur der Zufall, der es wollte, daß ich unter den
Augen des Fürsten meine Pflicht tat, erwarb mir den Orden. Aber
glaube mir, Ludwig, die Saiten, die so oft in meinem Innern erklungen,
und deren Töne so oft zu dir gesprochen, sind noch unverletzt; ja,
nach grausamer, blutiger Schlacht, auf einsamen Posten, wenn die Reiter
im Biwak um das Wachtfeuer lagen, da dichtete ich in hoher Begeisterung
manches Lied, das in meinem herrlichen Beruf, zu streiten für Ehre
und Freiheit, mich erhob und stärkte." Ludwig fühlte, wie
sein Inneres sich aufschloß bei diesen Worten, und als Ferdinand
mit ihm in ein kleines Seitengemach getreten, und Kaskett und
Säbel abgelegt, war es ihm, als habe der Freund ihn nur in
wunderlicher Verkleidung geneckt, die er jetzt abgeworfen. Als beide
Freunde nun das kleine Mahl verzehrten, das ihnen indessen aufgetragen
war, und die Gläser aneinandergestoßen lustig erklangen, da
erfüllte sie froher Mut und Sinn, die alte, herrliche Zeit umfing
sie mit allen ihren bunten Farben und Lichtern, und alle jene
holdseligen Erscheinungen, die ihr vereintes Kunststreben wie mit
mächtigem Zauber hervorgerufen, kamen wieder in herrlichem Glanze
erneuter Jugend. Ferdinand erkundigte sich angelegentlich nach dem, was
Ludwig unter der Zeit komponiert habe, und war höchlich
verwundert, als dieser ihm gestand, daß er noch immer nicht dazu
gekommen sei, eine Oper zu setzen und auf das Theater zu bringen, da
ihn bis jetzt durchaus kein Gedicht, was Sujet und Ausarbeitung
anbelange, zur Komposition habe begeistern können.
[… An dieser Stelle folgt der – hier ausgelassene - kunsttheoretische
Dialog.]
Ferdinand war im Begriff zu antworten, als auf der Straße dicht
vor den Fenstern der Generalmarsch geschlagen wurde Er schien
betroffen, Ludwig drückte tief seufzend des Freunde Hand an seine
Brust. „Ach Ferdinand, teurer, innig geliebte;
Freund!" rief er aus: „was soll aus der Kunst werden in dieses rauhen,
stürmischen Zeit? Wird sie nicht, wie eine zarte Pflanze die
vergebens ihr welkes Haupt nach den finstern Wolken wendet, hinter
denen die Sonne verschwand, dahinsterben? - Ach Ferdinand, wo ist die
goldene Zeit unserer Jünglingsjahre hin. Alles Bessere geht unter
in dem reißenden Strom, der die Felder verheerend
dahinstürzt; aus seinen schwarzen Wellen blicken blutige Leichname
hervor, und in dem Grausen, das uns ergreift, gleiten wir aus - wir
haben keine Stütze - unser Angstgeschrei verhallt in der öden
Luft - Opfer der unbezähmbaren Wut sinken wir rettungslos hinab!"
- Ludwig schwieg, in sich versunken. Ferdinand stand auf; er nahm
Säbel und Kaskett; wie der Kriegsgott zum Kampf gerüstet,
stand er vor Ludwig, der ihn verwundernd anblickte. Da überflog
eine Glut Ferdinands Gesicht; sein Auge erstrahlte in brennendem Feuer,
und er sprach mit erhöhter Stimme: „Ludwig, was ist aus dir
geworden; hat die Kerkerluft, die du hier so lange eingeatmet haben
magst, denn so in dich hineingezehrt, daß du krank und siech
nicht mehr den glühenden Frühlingshauch zu fühlen
vermagst, der draußen durch die, in goldner Morgenröte
erglänzenden Wolken streicht? - In träger Untätigkeit
schwelgten die Kinder der Natur, und die schönsten Gaben, die sie
ihnen bot, achteten sie nicht, sondern traten sie in einfältigem
Mutwillen mit Füßen. Da weckte die zürnende Mutter den
Krieg, der im duftenden Blumengarten lange geschlafen. Der trat, wie
ein eherner Riese, unter die Verwahrlosten, und vor seiner
schrecklichen Stimme, von der die Berge widerhallten, fliehend, suchten
sie den Schutz der Mutter, an die sie nicht mehr geglaubt hatten. Aber
mit dem Glauben kam auch die Erkenntnis: nur die Kraft bringt das
Gedeihen - dem Kampfe entstrahlt das Göttliche, wie dem Tode das
Leben! - Ja Ludwig, es ist eine verhängnisvolle Zeit gekommen, und
wie in. der schauerlichen Tiefe der alten Sagen, die, gleich in ferner
Dämmerung wunderbar murmelnden Donnern zu uns
herübertönen, vernehmen wir wieder deutlich die Stimme der
ewig waltenden Macht - ja sichtbarlich in unser Leben schreitend
erweckt sie in uns den Glauben, dem sich das Geheimnis unsers Seins
erschließt. - Die Morgenröte bricht an und schon schwingen
sich begeisterte Sänger in die duftigen Lüfte und
verkünden das Göttliche, es im Gesange lobpreisend. Die
goldnen Tore sind geöffnet und in einem Strahl
entzünden Wissenschaft und Kunst das heilige Streben, das die
Menschen zu einer Kirche vereinigt. Drum, Freund, den Blick
aufwärts gerichtet - Mut - Vertrauen – Glauben!" - Ferdinand
drückte den Freund an sich. Dieser nahm das gefüllte Glas:
„Ewig verbunden zum höhern Sein im Leben und Tode!" - „Ewig
verbunden zum höhern Sein im Leben und Tode!" wiederholte
Ferdinand, und in wenigen Minuten trug ihn sein flüchtiges
Roß schon zu den Scharen, die in wilder Kampflust hoch jubelnd
dem Feinde entgegenzogen.
In: E.T.A.
Hoffmann, Die Serapions-Brüder. Hg. und mit einem Nachwort
versehen von W. Müller-Seidel, mit Anmerkungen von W. Segebrecht.
München 1976/1979. Lizenzausgabe Darmstadt 1985, S. 76 ff.
(zurück zur Interpretation "Der goldne
Topf"/Einleitung)
Zu: E.T.A. Hoffmann, Brief Albans, aus "Der Magnetiseur (vgl. R.
Safranski, S. 294ff.)
In dieser Erzählung setzt sich
Hoffmann mit dem Mesmerismus (Magnetismus) auseinander, dem er nach
intensivem Austausch mit ihm befreundeten „Fachärzten“ (wie man
heute sagen würde) mit großer Skepsis gegenüberstand.
Franz Anton Mesmer (1734-1815), ein deutscher Arzt, war mittlerweile
europaweit bekannt für sein Heilverfahren, den „Mesmerismus"
(Heilung durch einen tranceähnlichen Zustand). 1775 war seine dann
heftig diskutierte Veröffentlichung erschienen, in der er die
Entdeckung einer Kraft mit außerordentlicher Wirkung auf den
menschlichen Körper, ähnlich dem Magnetismus, beschrieb
(deshalb „Magnetismus animalis" / „tierischer Magnetismus" genannt).
1785 kam eine von der französischen Regierung beauftragte
Untersuchungskommission aus Ärzten und Wissenschaftlern zu dem
Ergebnis, Mesmers Heilmethode sei unwissenschaftlich. Heute gilt seine
Methode als Wegbereiterin der Hypnose, die als Heilmethode bei
bestimmten Erkrankungen anerkannt wird.
(Inhalt:) Im Schloss des Barons
unterhalten sich abends der Baron, sein Freund, ein skurriler Maler,
sein Sohn Ottmar und seine Tochter Maria, die mit dem wegen seines
Kriegsdienstes gegen Napoleon nicht anwesenden Hypolit verlobt ist. In
der Unterhaltung geht es um Träume und um "Magnetismus". Ottmar
berichtet in diesem Rahmen, was ihm sein Freund Alban, ein junger Arzt
und Magnetiseur, vor einiger Zeit erzählt hat: Theobald, ein
Studienfreund Albans und ebenfalls Anhänger des Magnetismus, habe
erleben müssen, wie sich seine Braut Auguste in einen jungen
italienischen Offizier verliebt habe, der während der
napoleonischen Kriegswirren bei ihr zuhause einquartiert worden sei.
Auf Anraten Albans habe Theobald seine magnetisch-hypnotischen
Fähigkeiten benutzt, um Augustens nächtliche Träume auf
die gemeinsam verlebte Kindheit und auf die frühere
Liebesbeziehung zwischen ihnen zurückzulenken. Als Ottmar gerade
vom Erfolg dieser Bemühungen erzählen will, fällt seine
Schwester Maria wie tot um. Alban - von dem der Leser erst jetzt
erfährt, dass auch er sich im Schloss befindet - soll durch seine
magnetischen Fähigkeiten helfen. Ohnehin hält er sich seit
einiger Zeit nur deshalb im Schloss auf, weil er eine seelische
Verwirrung oder Krankheit Marias heilen soll. Ja, eigentlich scheint er
diese bereits geheilt zu haben. Allerdings ist die Verwirrung oder
Krankheit Marias überhaupt erst aufgetreten, nachdem Ottmar zum
ersten Mal Alban als seinen Freund ins Schloss mitgebracht hat. Der
Leser vermutet (wie sich später herausstellt, zu Recht), dass
Alban sich bei dieser früheren Gelegenheit in Maria verliebt hat
und sie dann - Liebe als ein Herrschaftsverhältnis missverstehend
- mit hypnotischen Mitteln krank gemacht hat, um nachher
längerfristig ihr Therapeut werden und sie so in völlige
Abhängigkeit von sich bringen zu können. Das ist ihm
mittlerweile gelungen, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre, und
so gelingt ihm nun auch, abends, nachdem er auf mysteriöse Weise
plötzlich im Raum erschienen ist, die "Wiedererweckung" der in
tiefe Ohnmacht gefallenen Maria, vor den Augen ihres Bruders, ihres
Vaters und des Malers.
Damit bricht der Erzähler ab und
fügt zunächst einen Brief Marias an eine Freundin hinzu, aus
dem der Leser die Krankheitsgeschichte der Briefschreiberin entnehmen
kann. Sie durchschaut jedoch immer noch nicht, dass Alban, der
Magnetiseur, sie vollkommen in seine geistig-seelische Gewalt gebracht
hat.
Es folgt das Fragment des Briefs
Albans an Theobald (s.u.). Danach ist der Schluss der Erzählung
überraschend schnell erreicht: Der - bisher nicht aufgetretene -
Ich-Erzähler kommt, nach einem zeitlichen Sprung über einige
Jahre hinweg, als juristisch Bevollmächtigter für den
Verkauf des mittlerweile leeren Schlosses gerade recht zum
Begräbnis des Malers, der zuletzt noch als einziger im Schloss
gewohnt hat, und findet dort Dokumente vor, aus denen hervorgeht, dass
1. durch Albans magnetische Wirkung
Maria während ihrer Trauung mit dem aus dem Feld
zurückgekehrten Hypolit tot niedergesunken ist,
2. Hypolit im Duell mit Alban
umgekommen ist,
3. Ottmar "den Heldentod in der
Schlacht" gefunden hat,
4. darauf der Baron vor Gram und
5. der Maler drei Jahre später,
wohl aus Altersgründen, gestorben ist.
Frage: Ist der Archivarius im
„Goldnen Topf“ auch ein solcher Magnetiseur, der seine Macht
missbraucht, indem er den in Liebe zum "falschen" Mädchen
(Veronika) gefallenen Anselmus hypnotisch auf das "richtige"
(Serpentina) umpolt? Wodurch unterscheidet sich der Archivarius hier
von dem ebenfalls magnetisch begabten Äpfelweib?
Ist unbedingte Liebe, wie sie sich
zwischen Anselmus und Serpentina entwickelt, als solche ein
"magnetisches" Phänomen, zu dem dann auch notwendig der
Machtaspekt gehört? (Vgl. auch Julia als "Dämon" des Autors.)
Eine biografische Frage ("Dämon"
Julia - Hoffmann): Ist ein
solches Verständnis der unbedingten, also nicht realisierbaren
Liebe als einer Äußerung des "Willens zur Macht" eine
Hilfskonstruktion Hoffmanns, um auf diese unbedingte, unrealisierbare
Liebe verzichten und weiterleben zu können?)
(D.S.)
E.T.A. Hoffmann, Der Magnetiseur
(1813) (Auszug)
Fragment von Albans Brief an Theobald
- - - zurückgeblieben
ist. Die Frömmigkeit schließt das Frommtun in
sich, und jedes Frommtun ist eine Heuchelei, sei es auch nicht sowohl
um andere zu betrügen, als sich selbst an dem Reflex des in
unechtem Golde blinkernden Strahlenscheins zu ergötzen, mit dem
man sich zum Heiligen gekrönt hat. - Regten sich denn in Deiner
eigenen Brust nicht manchmal Gefühle, die Du, mein lieber Bramin!
mit dem, was Du aus Gewohnheit, und bequem in dem Geleise bleibend, das
die verjährte Ammenmoral eingefurcht hat, als gut und weise
erkennen willst, nicht zusammenreimen konntest? Alle diese Zweifel
gegen die Tugendlehre der Mutter Gans, alle diese über die
künstlichen Ufer des durch Moralsysteme eingedämmten Stroms
überbrausenden Neigungen, der unwiderstehliche Drang, den Fittig,
den man kräftig befiedert an den Schultern fühlt, frisch zu
schütteln und sich dem Höhern zuzuschwingen, sind die Anfechtungen
des Satans, vor denen die aszetischen Schulmeister warnen. Wir sollen
wie gläubige Kinder die Augen zudrücken, um an dem Glanz und
Schimmer des heil. Christs, den uns die Natur überall in den Weg
stellt, nicht zu erblinden. - Jede Neigung, die den höheren
Gebrauch der inneren Kräfte in Anspruch nimmt, kann nicht
verwerflich sein, sondern muß eben aus der menschlichen Natur
entsprungen und in ihr begründet, nach der Erfüllung des
Zwecks unseres Daseins streben. Kann dieser denn ein anderer sein, als
die höchstmöglichste, vollkommenste Ausbildung und Anwendung
unserer physischen und psychischen Kräfte? - Ich weiß,
daß ohne weiter zu reden, ich Dich, mein lieber Bramin! (so, und
nicht anders, muß ich Dich nach deinen Lebensansichten nennen)
schon zum Widerspruch gereizt habe, da Dein ganzes Tun und Treiben der
innigen Meinung entgegenstrebt, die ich nur angedeutet. - Sei indessen
überzeugt, daß ich Dein kontemplatives Leben und Deine
Bemühungen, durch immer geschärfteres Anschauen in die
Geheimnisse der Natur einzudringen, achte; aber statt Dich an dem Glanz
des diamantnen Schlüssels in stiller untätiger Betrachtung zu
erfreuen, ergreife ihn keck und kühn, und öffne die
geheimnisvolle Pforte, vor der Du sonst stehen bleiben wirst in
Ewigkeit. - Du bist zum Kampfe gerüstet, was weilst Du in
träger Ruhe? - Alle Existenz ist Kampf und geht aus dem Kampfe
hervor. In einem fortsteigenden Klimax wird dem Mächtigern der
Sieg zuteil, und mit dem unterjochten Vasallen vermehrt er seine Kraft.
- Du weißt, lieber Theobald! wie ich immer diesen Kampf auch im
geistigen Leben statuiert, wie ich keck behauptet, daß eben die
geheimnisvolle geistige Übermacht dieses oder jenes
Schoßkindes der Natur, die Herrschaft, die er sich anmaßen
darf, ihm auch Nahrung und Kraft zu immer höherem Schwunge gibt.
Die Waffe, mit der wir, denen die Kraft und Übermacht inwohnt,
diesen geistigen Kampf gegen das untergeordnete Prinzip kämpfen
und uns dasselbe unterjochen, ist uns, ich möchte sagen,
sichtbarlich in die Hand gegeben. Wie ist es doch gekommen, daß
man jenes Eindringen, jenes gänzliche Inunsziehen und Beherrschen
des außer uns liegenden geistigen Prinzips durch uns bekannt
gewordene Mittel, Magnetismus genannt hat, da diese Benennung nicht
genügt, oder vielmehr, als von einer einzelnen physisch wirkenden
Kraft hergenommen, gar nicht das bezeichnet, was wir darunter
verstanden wissen wollen. Es mußte gerade ein Arzt sein, der
zuerst von meinem Geheimnisse zur Welt sprach, das eine unsichtbare
Kirche wie ihren besten Schatz im stillen aufbewahrte, um eine ganz
untergeordnete Tendenz als den einzigen Zweck der Wirkung aufzustellen,
denn so wurde der Schleier gewebt, den die blöden Augen der
Ungeweihten nicht durchdringen. - Ist es denn nicht lächerlich zu
glauben, die Natur habe uns den wunderbaren Talisman, der uns zum
König der Geister macht, anvertraut, um Zahnweh oder Kopfschmerz,
oder was weiß ich sonst, zu heilen? - Nein, es ist die unbedingte
Herrschaft über das geistige Prinzip des Lebens, die wir, immer
vertrauter werdend mit der gewaltigen Kraft jenes Talismans, erzwingen.
Sich unter seinem Zauber schmiegend, muß das unterjochte fremde
Geistige nur in uns existieren, und mit seiner Kraft nur uns
nähren und stärken l - Der Fokus, in dem
sich alles Geistige sammelt, ist Gott! - Je mehr Strahlen sich zur
Feuerpyramide sammeln – desto näher ist der Fokus! - Wie breiten
sich diese Strahlen aus – sie umfassen das organische Leben der ganzen
Natur, und es ist der Schimmer des Geistigen, der uns in Pflanze und
Tier unsere durch dieselbe Kraft belebten Genossen erkennen
läßt. – Das Streben nach jener Herrschaft ist das Streben
nach dem Göttlichen, und das Gefühl der Macht steigert in dem
Verhältnis seiner Stärke den Grad der Seligkeit. Der
Inbegriff aller Seligkeit ist im Fokus!- Wie klein und erbärmlich
erscheint mir alles Geschwätz über jene herrliche Kraft, die
den Geweihten verliehen, und es ist wohl zu begreifen, daß nur
die höhere Ansicht als der Ausdruck der inneren Weihe auch die
höhere Wirksamkeit herbeiführt. - Nach allem diesem wirst Du
glauben müssen, daß mir bei der Anwendung alle physischen
Mittel fremd geworden, allein es ist dem nicht so. Hier ist es, wo wir
noch im Dunkeln tappen, solange uns die geheime Verbindung des
Geistigen mit dem Körper nicht klar vor Augen liegt, und ich
möchte sagen, die physischen Hülfsmittel sind uns nur wie
Zeichen des Herrschers in die Hand gegeben, denen sich unbekannte
Vasallen unterwerfen. - Ich weiß selbst nicht, wie ich dazu
gekommen bin, Dir, mein Theobald, so viel über einen Gegenstand zu
sagen, von dem ich ungern spreche, da ich es fühle, wie nur die
aus einer besondern innern geistigen Organisation entsprießende
Überzeugung den leeren Worten Gewicht und Nachdruck geben
muß. Deinen Vorwurf, einer lebhaft aufwallenden Neigung gefolgt
zu sein, und gegen Deine sogenannten moralischen Ansichten
gesündigt zu haben, wollte ich beantworten, und jetzt erst werde
ich gewahr, daß ich Dir neulich meine Verhältnisse in dem
Hause des Barons viel zu rhapsodisch entwickelte, um nicht
mißverstanden zu werden. - Ich gebe mir Zeit und Mühe,
manches von meinem Eintritt in dies Haus nachzuholen, und wenn mein
lieber frommer Bramin in einem höher beschwingten Augenblick mir
nur einigermaßen in mein Gebiet folgen will, so werde ich von
aller Schuld gereinigt sein.
Ottmar ist nun einmal einer von den
vielen Menschen, die, nicht ohne Geist und Verstand, ja selbst mit
einer enthusiastischen Lebendigkeit, alles Neue im Gebiet der
Wissenschaft auffassen; aber eben dieses Auffassen ist ihr letzter
Zweck, und es ist nur die Kenntnis der Form, die sie, der inneren Kraft
sich freuend, mit leichter Mühe erringen. Mit dieser Kenntnis ist
ihr Geist, dem selbst die Ahnungen des Innern fremd bleiben, zufrieden;
dem Gemüt, das man ihnen nicht absprechen kann, fehlt Tiefe. -
Ottmar hat sich, wie Du weißt, an mich gedrängt, und, indem
er mir wie der Koryphäus einer ganz überzahlreichen Klasse
von jungen Leuten, wie sie jetzt so häufig angetroffen werden,
erschien, ergötzte es mich, mit ihm höhnend zu spielen. Mein
Zimmer hat er mit einer Ehrfurcht betreten, als sei es das innerste
heiligste Gemach im Tempel zu Sais, und da er sich als mein
Schüler willig unter meine Zuchtrute schmiegte, hielt ich es
für billig, ihm manches unschuldige Spielzeug anzuvertrauen, das
er triumphierend den Knaben vorwies, und recht groß tat mit der
Liebe des Meisters. - Als ich seinen Bitten nachgab und ihn auf seines
Vaters Gut begleitete, fand ich in dem Baron, seinem Vater, einen
störrischen Alten, umgeben von einem wunderlichen humoristischen
alten Maler, der manchmal den weinerlichen moralischen Pagliasso macht.
- Was ich Dir über den Eindruck, den Marie auf mich machte,
früher gesagt habe, weiß ich nicht mehr; aber ich fühle
es in diesem Augenblick, daß es schwer sein wird, mich so
darüber auszusprechen, daß ich von Dir ganz verstanden
werde. - In Wahrheit, ich muß mich darauf beziehen, daß Du
mich kennst, ja daß Du von jeher mein ganzes Tun und Treiben in
den höheren Tendenzen, die dem Volke ewig verschlossen, begriffen.
Du bist daher überzeugt, daß eine schlanke Gestalt, die wie
eine herrliche Pflanze, in zartem Wuchs üppige Blätter und
Blüten treibend, aufgeschossen; ein blaues Auge, das emporblickend
sich nach dem zu sehnen scheint, was die fernen Wolken verschleiern -
kurz, daß ein engelschönes Mädchen mich nicht in den
süßlich schmachtenden Zustand des lächerlichen Amoroso
versetzen kann. - Es war einzig und allein die augenblickliche
Erkenntnis der geheimen geistigen Beziehung zwischen Marien und mir,
die mich mit dem wunderbarsten Gefühl durchbebte. Der innigsten
Wonne mischte sich ein schneidender, stechender Grimm bei, den die
Opposition in Marien erzeugte - eine fremde feindliche Kraft
widerstrebte meiner Einwirkung und hielt Mariens Geist befangen. Mit
ganzer Macht meinen Geist darauf fixierend, wurde ich den Feind gewahr,
und in vollem Kampf suchte ich alle Strahlen, die aus Mariens Innern
mir zuströmten, wie in einem Brennspiegel aufzufangen. Der alte
Maler beachtete mich mehr als die übrigen es taten; er schien die
innere Spannung, die Marie in mir hervorgebracht, zu ahnen. Vielleicht
war es mein Blick, der mich verriet, denn so zwängt der
Körper den Geist ja ein, daß die leiseste seiner Bewegungen
in den Nerven oszillierend nach außen wirkt, und die
Gesichtszüge - wenigstens den Blick des Auges verändert. Wie
ergötzte es mich aber, daß er die Sache so gemein nahm; er
sprach unaufhörlich von dem Grafen Hypolit, Mariens verlobtem
Bräutigam, und daß er die bunte Musterkarte von allen seinen
Tugenden recht mit Behagen vor mir ausbreitete, diente mir nur dazu,
die läppischen Verhältnisse, welche die Menschen in
einfältiger kindischer Tätigkeit anknüpfen, im Innersten
zu belachen, und mich meiner tiefern Erkenntnis jener Verbindungen, die
die Natur knüpft, und der Kraft diese zu hegen und zu pflegen, zu
erfreuen. - Marien ganz in mein Selbst zu ziehen, ihre ganze Existenz,
ihr Sein so in dem meinigen zu verweben, daß die Trennung davon
sie vernichten muß, das war der Gedanke, der, mich hoch
beseligend, nur die Erfüllung dessen aussprach, was die Natur
wollte. Diese innigste geistige Verbindung mit dem Weibe, im
Seligkeitsgefühl jeden andern als den höchsten
ausgeschrieenen tierischen Genuß himmelhoch
überflügelnd, ziemt dem Priester der Isis, und Du kennst mein
System in diesem Punkt, ich darf nichts weiter darüber sagen. Die
Natur organisierte das Weib in allen seinen Tendenzen passiv. - Es ist
das willige Hingeben, das begierige Auffassen des fremden
außerhalb liegenden, das Anerkennen und Verehren des höheren
Prinzips, worin das wahrhaft kindliche Gemüt besteht, das nur dem
Weibe eigen und das ganz zu beherrschen, ganz in sich aufzunehmen, die
höchste Wonne ist. - Von diesen Augenblicken an blieb ich,
unerachtet ich mich wieder, wie Du weißt, von dem Gute des Barons
entfernte, Marien geistig nah, und welcher Mittel ich mich bediente,
insgeheim mich auch körperlich ihr zu nahen, um kräftiger zu
wirken, mag ich Dir nicht sagen, da manches sich kleinlich ausnehmen
würde, unerachtet es zu dem vorgesetzten Zweck führte. -
Maria fiel bald darauf in einen fantastischen Zustand, den Ottmar
natürlicherweise für eine Nervenkrankheit halten mußte,
und ich kam wieder als Arzt in das Haus, wie ich es vorausgesehen. -
Maria erkannte in mir den, der ihr schon oft in der Glorie
der beherrschenden Macht als ihr Meister im Traume erschienen, und
alles, was sie nur dunkel geahnet, sah sie nun hell und klar mit ihres
Geistes Augen. - Nur meines Blicks, meines festen Willens bedurfte es,
sie in den sogenannten somnambulen Zustand zu versetzen, der nichts
anders war, als das gänzliche Hinaustreten aus sich selbst und das
Leben in der höheren Sphäre des Meisters. Es war mein Geist,
der sie dann willig aufnahm und ihr die Schwingen gab, dem Kerker, mit
dem sie die Menschen überbaut hatten, zu entschweben. Nur in
diesem Sein in mir kann Marie fortleben, und sie ist ruhig und
glücklich. - Hypolits Bild kann in ihr nur noch in schwachen
Umrissen existieren, und auch diese sollen bald in Duft
zerfließen. Der Baron und der alte Maler sehen mich mit
feindlichen Blicken an, aber es ist herrlich, wie sich auch da die
Kraft bewährt, die mir die Natur verliehen. Ein unheimliches
Gefühl mag es sein, daß sie widerstrebend doch den Meister
erkennen müssen. Du weißt, auf welche wunderbare Weise ich
mir einen Schatz geheimer Kenntnisse gesammelt. Nie hast Du das Buch
lesen mögen, unerachtet es Dich überrascht haben würde,
wie noch in keinem der physikalischen Lehrbücher solche herrliche
Kombinationen mancher Naturkräfte und ihrer Wirkung, so wie hier
entwickelt sind. Ich verschmähe es nicht, manches sorglich zu
bereiten; und kann man es denn Trug nennen, wenn der gaffende
Pöbel über etwas erschrickt und staunt, das er mit Recht
für wunderbar hält, da die Kenntnis der nächsten Ursache
nicht das Wundervolle, sondern nur die Überraschung vernichtet? -
Hypolit ist Obrister in . . . en Diensten, mithin im Felde; ich
wünsche nicht seinen Tod; er mag zurückkommen, und mein
Triumph wird herrlicher sein, denn der Sieg ist gewiß. Sollte
sich der Gegner kräftiger zeigen als ich es gedacht, so wirst Du
mir im Gefühl meiner Kraft zutrauen, daß etc. - -
In: E.T.A. Hoffmann, Fantasie - und
Nachtstücke. Hg. und mit einem Nachwort versehen von W.
Müller-Seidel, mit Anmerkungen von W. Kron. München
1976/1979. Lizenzausgabe Darmstadt 1985, S. 169 ff.
(zurück zur Interpretation "Der goldne
Topf"/Einleitung)
© Dieter Schrey 2006
nach oben
|