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DIETER SCHREY

"ES IST ALLES EITEL" - KURZINTERPRETATION

 

Andreas Gryphius
Es ist alles eitel

Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein;
Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.

Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden;
Was itzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein;
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?
Ach, was ist alles dies, was wir für köstlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind,
Als eine Wiesenblum, die man nicht wieder findt!
Noch will, was ewig ist, kein einig Mensch betrachten.

 

Interpretation:

Der erste und der letzte Alexandriner-Vers (2 mal 3 Jamben) des 1643 veröffentlichten Sonetts bilden den Rahmen: Der erste Vers wiederholt in Satzform die grundsätzliche These des Titels "Es ist alles eitel". Der "auf Erden" keine Ausnahme ("alles, "nur"!) gelten lassenden "Eitelkeit" - Nichtigkeit, Vergeblichkeit, Falschheit, Vergänglichkeit - wird zum Schluss das, "was ewig ist", entgegengehalten. Dieser Schlusssatz, der als einziger - nach der Andeutung in II,3 - das "Ewige" erwähnt, muss 13 Verse aufwiegen, in denen in immer neuen Beispielen und Wendungen ausschließlich vom Nichtigen, Vergänglichen die Rede ist.

Die drei Verse der ersten Strophe (nach dem Eingangsvers) zeigen in streng antithetischer Fügung die Vergänglichkeit der vom Menschen in eigener Regie aufgebauten alltäglichen Lebenswelt, verkörpert in den "Städten". Die nächsten zwei Verse (II,1/2) übertragen die zeitliche "heute - morgen"- bzw. "itzund - bald"-Antithetik auf das Nicht-Alltägliche, auf die blühende "Pracht" menschlicher Leistung, Machtentfaltung und Herrlichkeit und auf das "Pochen und Trotzen" menschlichen Selbstbewusstseins und Stolzes. "Bauen" und "Einreißen", "Blühen" und "Zertreten" stehen sich gegenüber. Vers II,3 fasst zusammen ("Nichts ist, das ewig sei") und deutet damit gleichzeitig in Vorgriff auf die Schlusszeile das an, worum es eigentlich geht. "Kein Erz, kein Marmorstein" reimt sich, die Antithetik fortsetzend, auf "Asch und Bein".

Der letzte Vers der beiden Quartette und der erste der Terzette gehören zusammen: Sowohl "das Glück", also das ohne eigenes Zutun des Menschen ("Fortuna"!) gelungene und gelingende Leben, als auch "der hohen Taten Ruhm", also das selbstbestimmte, über den individuellen Rahmen hinausreichende Wirken und Nachwirken, sind in die allgemeine Vergänglichkeit einbezogen.

Als Frage fällt der nächste Vers (III,2) aus dem Rahmen. Hier geht es um das Grundproblem, das sich angesichts der "vanitas" der Welt stellt, um das "Bestehn" des Menschen, der ohnmächtig ("leicht") ist gegenüber der Macht der "Zeit", die ihn nur als "Spiel"-Ball benutzt. Drei lange Verse (über die Terzett-Grenze hinweg) überspannt der endgültig zusammenfassende Klagesatz ("Ach..."), der zu keinem anderen Ergebnis kommt als zu dem, das schon im Titel und im ersten Satz feststand, das aber in der barocken Häufung der Bilder für die "schlechte (=schlechthin geltende) Nichtigkeit" ("Schatten, Staub, Wind, Wiesenblum...") den verzweifelnden Ernst ausdrückt, der das ganze Gedicht durchzieht und der hier kulminiert (Ausrufezeichen!).

Zwei Bilder - das erste und das letzte - fallen auf: Ausgerechnet eine "Wiese, auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden", ist das Bild für den Zustand nach einer Zerstörung apokalyptischen Ausmaßes (I,3/4). Das idyllische Bild erinnert von ferne sogar an Jesaja 11, 6: in der utopischen Zeit am Ende der Geschichte wird ein Mensch und Natur umfassender Friedenszustand eintreten, in dem "ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben". Auch idyllische, sogar utopische Zustände liegen nicht außerhalb des Geltungsbereichs des Spruchs Prediger Salomo 1, 2: "Es ist alles ganz eitel." Diese Einsicht vergrößert nur noch den allgemeinen  Jammer - ebenso wie die Einsicht, dass auch eine schöne "Wiesenblum" ("die man nicht wieder findt") nichts anderes, Besseres bedeuten kann als die schlimmen "Schatten, Staub und Wind".
Das einzige, was "besteht", ist das, "was ewig ist". Aber bisher "siehst du" nur Nichtiges (I,1). Der Leser, der im ersten Vers zweimal angesprochen wird ("du") und den das "uns" in II,4 mit dem Sprecher und allen Menschen ineins fasst, müsste lernen - statt zu "sehen" - zu "betrachten", durch das Vordergründige hindurch das Wesentliche zu erkennen. Aber das "will" er "noch" nicht. Allerdings spricht der Sprecher des Gedichts den Leser nicht appellativ, moralisierend an, er bleibt mit seiner Klage vielmehr im Allgemeinen, bezieht sich dadurch jedoch selbst mit ein ("kein einig (=einziger) Mensch"). In der Antithese "Vergängliches - Ewiges" liegt also die Antwort auf die Frage, die sich durch die Antithetik von Heutigem - Baldigem, Blühen - Vergehen stellt und im Rahmen des Irdischen offenbleibt (III,2). Das "Noch-nicht" kann/wird sich ins Positive wenden.

Den Schülern wird dieser Text aus der Zeit des 30jährigen Krieges sehr fremd sein. Wenn ihnen durch Lehrervortrag oder Schülerreferat oder auf andere Weise der Erfahrungshintergrund dieser chaotischen Zeit eröffnet wird, werden sie wohl die Aussagen von V. 1 - 13 nachvollziehen können - soweit aus diesen hervorgeht, dass alles damals und in vergleichbaren Situationen Erlebte und Erlebbare an die "Eitelkeit" von Mensch und Welt denken lässt. Aber es wird sich die Frage ergeben, ob wirklich radikal "alles" als "eitel" angesehen werden kann, z.B. auch "hohe" humane Taten und ihr "Ruhm".

Es hat wenig Sinn, mit SchülerInnen der Klassen 8 - 10 dieses Gedicht (und ähnlich das von Hofmannswaldau) zu behandeln, wenn den Schülern nicht vermittelt werden kann, dass das Neue, Nicht-Selbstverständliche in dem Klageton liegt, in dem Gryphius das alte christliche vanitas-Motiv hier vorträgt. "Wenn man das Vergehen eines Objekts betrauert, so liebt man es. Hat Gryphius die Welt geliebt?" (E. Trunz). Sicherlich nicht explizit, auch wohl nicht bewusst. Was sich die Schüler nur noch schwer vorstellen können: Das im 17. Jahrhundert noch selbstverständliche, tradierte christliche Weltbild mit der eindeutigen Ablehnung des Diesseits verhindert das erst wesentlich später mögliche offene Bekenntnis einer Liebe zum vergänglichen irdischen Leben als solchem. Aber in dem Gryphius-Gedicht scheint eine solche Liebe durch. Gryphius' größte Leistung besteht erst einmal darin, in deutscher Sprache gedankliche Lyrik unabhängig vom Kirchenlied zu begründen.


Wie werden wir heute die Verse fortsetzen, die zunächst von der Gegenwart reden: "Wo itzund Städte stehn, ...", und "Was itzund prächtig blüht, ..."? Welchen Schlussvers werden wir den 13 Versen der Klage entgegensetzen?


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© Dieter Schrey 2006