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DIETER SCHREY

"MAILIED" - KURZINTERPRETATION

 

Johann Wolfgang von Goethe
Maifest (1771; 1789 Mailied)

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch.

Und Freud und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd', o Sonne!
O Glück, o Lust,

O Lieb', o Liebe,
So golden schön
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn,

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt!

O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb' ich dich!
Wie blickt dein Auge,
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe
Mit warmen Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud' und Mut

Zu neuen Liedern
Und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
Wie du mich liebst.

 

Interpretation

"Goethes erstes ganz großes Gedicht" (E. Trunz) ist 1771 entstanden, während Goethes Straßburger Zeit. Es gehört zur Reihe der Sesenheimer Lieder, in denen Goethe seiner Liebe zu der Sesenheimer Pfarrerstochter Friederike Brion Ausdruck verleiht. In neun  Strophen sind 36 zweihebige, jeweils mit Auftakt einsetzende Verse zu einer teils leicht beschwingt und tänzerisch, teils hymnisch-emphatisch wirkenden Einheit verbunden. Der rhythmische Ablauf ist einmal durch den Wechsel von Jambus und Daktylus (über die Versgrenze hinweg durch Enjambement entstehend) gekennzeichnet, dann durch die syntaktisch bedingten kurzfristigen Pausen nach jeweils zwei Versen und schließlich durch die die Regelmäßigkeit des Versmaßes durchbrechenden rhythmischen Akzente am Versbeginn in den "O"- und "Wie"-Interjektionen (in I,1,3,4, III,3,4, IV,1, VI,2,3,4 und in I,2 "mìr"). Die Enjambements über Vers- und Strophengrenzen hinweg (besonders II/III, VII/VIII/IX) schaffen eine mitreißende Bewegung in der Horizontalen (im Zeitablauf des Lesens/Rezitierens), die emphatischen Ausrufe bringen die Bewegung ins Stocken, lenken die Dynamik in die Vertikale. Die Strophen I-III, IV/V und VI - IX gehören jeweils zusammen. Der lautliche und syntaktische Gleichklang lässt die IV. aus der III. und die VII. aus der VI. hervorgehen und bildet eine Brücke von der IV. zur VI. Strophe.

Das Gedicht entfaltet immer wieder den einen Grundgedanken der wechselseitigen beseligenden Liebe, die in der Natur (I-V) und in der Menschenwelt (VI - IX) alle Wesen zueinander führt. Die Natur leuchtet nicht "einfach so", sondern "mir"; auch das Glänzen der Sonne (von oben, aus der Ferne), das Lachen der Flur (von unten, aus der Nähe) ist auf das lyrische Ich gerichtet, ebenso das "Dringen" aus der Pflanzenwelt (II,1/2), der Tierwelt (II,3/4) und der Menschenwelt (III,1/2). Das lyrische Ich erlebt sich nicht als ich-sagendes Subjekt, dem ein Objekt gegenübersteht. Der Dativ "mir" drückt die Richtung eines allumfassenden Prozesses aus. Statt "ich" bleibt nur das staunende "o" übrig. Das lyrische Ich antwortet auf das ihm entgegenkommende "Leuchten" und "Dringen" mit dem "Glück" und "Lust" ausstrahlenden Lied, mit "neuen Liedern und Tänzen" (IX,1/2).

Auf die Preisung der Natur ("O Erd, o Sonne") und der ihr korrespondierenden Innenwelt ("O Glück, o Lust") folgt die Preisung der göttlichen Instanz, die diese Korrespondenz zustande bringt: "O Lieb, o Liebe!" Dass es sich hier zu Beginn von Str. IV um eine personal verstandene Anrufung handelt, wird mit dem ersten Wort der nächsten Strophe deutlich: "Du". Dass diese personale Anrufung (in der Tradition des protestantischen  Kirchenlieds, z.B. "Liebe, die du mich zum Bilde / Deiner Gottheit hast gemacht...") (quasi-)religiösen Charakter hat, ergibt sich u. a. daraus, dass der "Liebe" die Tätigkeit des "Segnens" zugesprochen wird (V,1). Das mit dem Neologismus "Blütendampf" entworfene Bild bezeichnet den Gipfel der 5 Strophen, die von der göttlichen Natur (der "vollen Welt") singen.

Die ganze emotionale und quasi-religiöse "Fülle" der ersten fünf Strophen wird mit der vierten "O"-Preisung auf das "Mädchen" übertragen. Das "du" von Str. V, das die "Liebe" meint, verwandelt sich in das "du" der liebenden und geliebten Person. Zum ersten Mal taucht auch das lyrische Ich als Nominativ-Subjekt auf, gefolgt von dem im Akkusativ-Objekt genannten "dich" ("Wie lieb ich dich"), aber schon die übernächste Formulierung ("Wie liebst du mich") vertauscht bisheriges Subjekt und Objekt. Die Betonung der Wechselseitigkeit hebt die Trennung von Subjekt und Objekt überhaupt auf. Die Verse VII,1 bis VIII,2 schlagen den Bogen zurück von der menschlichen Liebe zu der der Pflanzen und Tiere in der Natur, diesmal - im Unterschied zum Übergang von Str. V zu VI - in einer Parallelsetzung zur Liebe des "Ich" ("So liebt die Lerche...Wie ich dich liebe"). Auch hier wird aber sofort das "Ich - dich" durch ein "Du - mir" ergänzt.

Wie ist die Schlusswendung zu verstehen? "(So) wie du mich (jetzt) liebst, (so) sei ewig glücklich": Ist die Wechselseitigkeit der Liebe hier aus dem Gleichgewicht geraten? In "ihrer" Liebe zu "ihm" schenkt "sie" "ihm" "(das Fortbestehen der gegenwärtigen) Jugend" und die damit verbundene Fähigkeit zu "(immer) neuen Liedern und Tänzen", während "er" "ihr" "ewiges Glück" wünscht - nicht gibt. Das Maß dieses "ewigen Glücks" wird allerdings "ihre" gegenwärtige Liebe zu "ihm" sein. Jedenfalls schließt der Liebe, Glück und Ewigkeit verbindende Wunsch die beiden Liebenden hier nicht in einem "wir" zusammen.

 


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© Dieter Schrey 1993/2006