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DIETER SCHREY

"SEHNSUCHT" - KURZINTERPRETATION

 

Joseph von Eichendorff
Sehnsucht

Es schienen so golden die Sterne,
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter Ferne
Ein Posthorn im stillen Land.
Das Herz mir im Leib entbrennte,
Da hab ich mir heimlich gedacht:
Ach, wer da mitreisen könnte
In der prächtigen Sommernacht!

Zwei junge Gesellen gingen
Vorüber am Bergeshang,
Ich hörte im Wandern sie singen
Die stille Gegend entlang:
Von schwindelnden Felsenschlüften,
Wo die Wälder rauschen so sacht,
Von Quellen, die von den Klüften
Sich stürzen in die Waldesnacht.

Sie sangen von Marmorbildern,
Von Gärten, die überm Gestein
In dämmernden Lauben verwildern,
Palästen im Mondenschein,
Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
Wann der Lauten Klang erwacht
Und die Brunnen verschlafen rauschen
In der prächtigen Sommernacht.


Interpretation:

"Es schienen so golden die Sterne" - "Wie herrlich leuchtet (mir) die Natur" (Goethe, Mailied); "das Herz mir im Leib entbrennte" - "o Glück, o Lust" (Mailied): scheinbare Parallelen zwischen den beiden Gedichten, außen wie innen. Aber wesentliche Unterschiede zeigen sich sofort: Wo für Goethes lyrisches Ich die ferne Sonne und die nahe Erde gleich intensiv erlebbar sind, weil sie "mir" entgegen "dringen", erscheint in Eichendorffs Gedicht der Sternenglanz unpersönlich-entrückt. ("es") und begegnet das Irdische nur "aus weiter Ferne" und entzieht sich darüber hinaus in zunehmendem Maße ("Posthorn"). Auch aus einem anderen Grunde ist Unmittelbarkeit der Begegnung gar nicht möglich: Das Ich findet zwischen sich und der Welt eine Mauer vor, die zwar durch ein "Fenster" durchbrochen ist, aber ihren distanzierenden Charakter dadurch nicht verliert. So gilt statt präsentischem Erleben und Ausrufen ein im Präteritum erinnerndes Erzählen, statt der wechselseitigen Nähe des "ich dich und du mich" eine tiefe "Einsamkeit" des Ich (I,2), statt der (abgesehen vom problematischen Schlusswunsch im Goethe-Gedicht) indikativischen Fraglosigkeit aller Aussagen der zwischen Potentialis, Optativ und Irrealis schwankende "heimlich gedachte" Wunsch (I,7/8), statt der "O"-Preisung der "Ach"-Seufzer - insgesamt: statt Erfüllung "Sehnsucht". Und dennoch: Der Wunsch nach Unmittelbarkeit hat nicht nachgelassen; die Abwesenheit lässt das Abwesende nicht als unwirklich erscheinen, sie steigert vielmehr seine "Pracht", seine Schönheit und Anziehungskraft.

Die fehlende, sehnsüchtig gewünschte Unmittelbarkeit des Erlebens drückt sich auch darin aus, dass - nach der unabhängig vom Wahrnehmenden dargestellten optischen Wahrnehmung des ersten Verses - dem "am Fenster" stehenden, wohl in erster Linie auf das Hinaussehen ausgerichteten Ich eine ausschließlich akustische Wahrnehmung zugeschrieben wird ("hörte"). Dieser Vorgang wiederholt sich zu Beginn der zweiten Strophe: Zunächst wird scheinbar objektivierend, die optische Wahrnehmung unausgesprochen implizierend, von den "zwei Gesellen" erzählt, die "vorübergingen"; dann setzt auch hier das wahrnehmende Ich explizit ein, und zwar wiederum auf die akustische Wahrnehmung beschränkt: "Ich hörte...sie singen". Wie der Posthorn-Klang in der ersten Strophe, so entfernt sich auch dieses Singen ("im Wandern...die stille Gegend entlang"). Nun sind aber alle weiteren Inhalte des Gedichts nur Inhalte des vom Ich gehörten Singens der Gesellen ("Ich hörte ... sie singen ...: von ... Felsenschlüften, ... von Quellen... Sie sangen von Marmorbildern, von Gärten, ...Palästen..."). Das heißt: Eigentlich verliert sich bis zum Ende des Gedichts das Gehörte in einem gleichmäßigen Decrescendo - dies hat aber zur Folge, dass die "Sehnsucht" anschwillt.
Das Singen der Gesellen evoziert im Hörenden deutliche visuell-bildliche Vorstellungen, von "schwindelnden Felsenschlüften" bis zu "verschlafen rauschenden Brunnen" (wobei die innere "Sichtbarkeit" die innere "Hörbarkeit" einschließt). Hier wiederholt sich nun das beschriebene Miteinander der Decrescendo-Struktur des in der Phantasie Wahrgenommenen und der Crescendo-Struktur der Sehnsucht auf äußerst kunstvolle Weise:

1.
Das lyrische Ich sehnt sich nach den "zwei jungen Gesellen", nach Menschen in relativer Nähe, die 2. ihrerseits Sehnsucht haben nach ferner Natur (II,5-8) und Kultur (III,1-7). Zuletzt gilt deren Sehnsucht "Mädchen", die irgendwo in der Ferne - genau spiegelbildlich zum Lyrischen Ich (!) - "am Fenster" stehen und "lauschen", also 3. ihrerseits Sehnsucht empfinden - wonach? Nach dem Erwachen des "Lautenklangs", d.h. aber wohl nach wiederum anderen Menschen, die 4. ihrerseits durch Lautenspiel ihrer Sehnsucht Ausdruck verleihen - wonach? Wohl 5. nach anderen Sehnsüchtigen, usw. usw. Im prinzipiell unendlichen Progress der Spiegelungen (romantische "progressive Universalpoesie"!) potenziert sich die Sehnsucht bis ins Unendliche.

Bei näherem Hinsehen erweisen sich auch die evozierten Naturphänomene und Kulturgebilde als in die Reihe der Sehnsuchts-Spiegelungen einbezogen: Das "Rauschen" der "Brunnen" entspricht dem "erwachenden Lautenklang", es singt  - anthropomorph - "verschlafen"-träumerisch, also sehnsüchtig (wovon ?) - wie bereits in Str. II die "Felsenschlüfte" - anthropomorph - ins "Schwindeln", in einen träumerischen Schwebezustand (Traum wovon ?) geraten sind - dort, wo die Wälder "so sacht rauschen" - "von Quellen", die - anthropomorph - "sich in die Waldesnacht stürzen", sich sehnen - wohin? Und so "dämmern" die "Lauben" in die Nacht hinein, "verwildern" die "Gärten" in ein schönes Chaos, verschwimmen die "Paläste" "im Mondenschein".

Dies alles ist - trotz der komplexen Sehnsuchts- und Spiegel-Struktur - zentriert auf das einsam am Fenster stehende, hörende, empfindende Ich und auf die offensichtlich überall, nah und fern, gleiche "prächtige Sommernacht" (I,8 und III,8) - und auf die alles mit allem verbindende Musik der Klänge (Alliterationen; extrem, mit Assonanzen: "Lauben - lauschen - Lauten") und Rhythmen
(an der Volksliedstrophe orientierte, 2 mal 2 vierhebige Dreiertakt-Verse: Dreiertakt-Variante des Typs "In éinem kü'hlen Grúndè, / da stéht ein Mü'hlenrád ´_ "),
-  mit Auftakt (anapästisch-zweisilbig in I,8, II,6, III,5-8),
- mit meistens daktylischem, einmal (II,8) sogar viersilbig gefülltem 1. Takt (der Klang bildet hier den Inhalt - Hinab-"Stürzen" - ab!) und häufig trochäischem 2. Takt,
- mit Wechsel von klingender und stumpfer Kadenz (s.o.)
- und mit Kreuzreim.


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© Dieter Schrey 1993/2006