Günter Eich
Pfaffenhut
((Der Text des Gedichts kann hier erst eingefügt werden, nachdem
die rechtliche Situation mit dem Verlag geklärt ist.))
In: Günter Eich, Gesammelte Werke, Frankfurt a.
M. 1973, S. 43
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main (Verlag angefragt)
Interpretation
Dem Goetheschen "Mailied", das Natur,
Leben und Liebe feiert, steht dieses Eichsche Gedicht (1948) wirklich
antipodisch gegenüber: Es benutzt das gleiche Metrum, den gleichen
Strophenbau, es kennt auch noch (oder wieder) die emphatische
"Oh"-Anrufung (I,2: "Oh Blumenblut!") - aber die Welt ist nicht mehr
von der
allumfassenden Liebe beseelt und belebt. Die Sonne "glänzt" nicht,
sondern schießt tödliche "Pfeile" ab (II,1-4: "Es
reißen die Pfeile / des Sonnenlichts / Blume wie Stunden / ins
blaue Nichts."); die im Ablauf der
Monate eines Jahres ("Mai" bzw. "Oktober") erlebte Natur "leuchtet"
nicht, sondern "tötet" (I,1: "Oktober tötet."); dem
Neologismus "Blütendampf" wird
der Neologismus "Blumenblut" entgegengesetzt. Ein liebendes und
geliebtes Du kommt nicht vor. Das Ich - nur einmal am Rande in einem
Präpositionalobjekt genannt (III,1 "Der Mond, das Messer"
... IV,1/2 "so noch am Tage / zielt er auf mich.") - erfährt sich
als Objekt,
als Opfer, ja, das lyrische Ich redet von sich selbst überhaupt
nur metaphorisch, im Bild des "Pfaffenhuts" (syntaktisch kann "mich"
sowohl den Pfaffenhut [im Titel des Gedichts genannt] als auch das
lyrische Ich meinen). Die
Erfahrungen im Bereich der menschlichen, mitmenschlichen Lebenswelt
sind wohl so entsetzlich, dass sie nur noch indirekt sagbar sind. Das
"Oh" drückt nicht mehr Preisung, sondern Klage aus. Naturlyrik ist
nicht mehr der Ausdruck einer Harmonie zwischen Außen und Innen
("Natur" - "Mir" - "O"), zwischen Natur und Menschenwelt
("Lerche/Gesang/Luft" - "ich/dich"), zwischen Ich und Du, sondern
letzte (?) noch verbleibende Möglichkeit, die tödliche
Bedrohung des Ichs in der Nachkriegszeit auszudrücken - allerdings
ohne den "Trost der Bäume" und Pflanzen, von dem in dem bekannten
späteren Eich-Gedicht "Ende eines Sommers" ironisch die Rede ist:
Bäume und Blumen haben mit dem Menschen gemeinsam, dass sie "am
Sterben teilhaben"; das ermöglicht Vergleiche und Metaphern.
Die erste Strophe setzt mit lapidarer
Kürze und voller Härte ein (vierfaches "t"!): "Oktober
tötet". Im Subjekt dieses Satzes fehlt der Artikel, im
Prädikat ein Objekt; so wird die absolute Geltung der Aussage
betont. Dass "Oktober" und "Tod" auf der
Täter-Seite wie "Blumen" und "Blut" (I,2 "Oh
Blumenblut!") auf der
Seite der Opfer zusammengehören, das weiß offensichtlich
schon die Sprache. Sie kennt auch die Entsprechung zwischen der Natur ("Oktober")
und dem in der Interjektion sich ausdrückenden lyrischen Ich ("Oh
Blumenblut"): beide haben "am Sterben teil". Die Verse I,3/4
("Den Waldsaum rötet / der Pfaffenhut.") führen in einem Satz
aus, gewissermaßen am Beispiel des
Pfaffenhuts, was bereits mit der Metapher "Blumenblut" gemeint ist.
Die vier und sechs Verse, die von Sonne
und Mond handeln (Str. II und III/IV,1/2), führen die Aussage des
ersten Satzes des Gedichts in zwei Bildern aus: In dem vier Verse
zusammen-"reißenden" Satz der Strophe II ist von der
Tödlichkeit
des "Sonnenlichts" die Rede und in dem sechs Verse überspannenden,
innerlich zerrissenen Satz in Str. III/IV,1/2 von der Tödlichkeit
des "Mondes" (als "Messer, / von Tränen geätzt, / am Stein
der Leiden / zur Schärfe gewetzt"). Die traditionell als
lebenspendend angesehenen Strahlen
der Sonne sind zu Todespfeilen pervertiert, der traditionell mild,
silbern leuchtende (Halb-)Mond zum scharf gewetzten Mordmesser. Die
Sonnen-Pfeil-Strophe bezieht sich explizit ("Blume", II,3) auf
den "Pfaffenhut" der Str. I und des Gedichttitels, die sechs Mond-Messer-Verse
laufen dagegen auf "mich" zu; "Blume" und "ich" sind
gleichermaßen Opfer.
Die letzten sechs Verse bieten drei
jeweils über zwei Verse gehende Aussagen, die ein völlig
neues Thema ansprechen und von diesem aus die Aussagen v. a. der
Strophen I und II präzisieren:
1. (zu IV,3/4:) Das neue Thema,
bezeichnenderweise im Anschluss an die Nennung des lyrischen Ich
auftretend, heißt "Schrift", "Schreiben" (IV,3/4: "Die wuchernde
Schrift / der Ranken erblich."). Was
früher lebendig "wucherte" und darin eine "Schrift" ergab, die auf
der Basis der Harmonie zwischen Außen und Innen und des alles
erfüllenden Lebens verstanden werden konnte, ist heute abgestorben
("erblich"). Anders gesagt: Naturlyrik wie in Goethes "Mailied" ist
nicht mehr möglich.
2. (zu V,1/2:) Diese beiden Verse
greifen das Bild der Strophen I und II auf, korrigieren aber die
dortige Aussage: Das "Töten" des "Oktobers" (sodass das
"Blumenblut" des Pfaffenhuts "den Waldsaum rötet") reißt
tödliche, "flammende Wunden", aber diesen "entfließt [noch]
kein Blut"; offenbar stecken die Sonnen-Pfeile noch in ihnen. In diesem
Übergangszustand eines Seins zum Tode, in dem die "Wunden"
an die Stelle des "Wucherns" getreten sind, tritt das
"Flammende" an die Stelle der "Schrift" - die Assoziation der
"Flammenschrift" (als Menetekel) scheint von Eich gewollt.
3. (zu V,3/4: "Es glüht unterm
Pfeile / der Pfaffenhut.") "Unterm Pfeil
glühen": das wäre dann zu verstehen als "leiden und
schreiben", mit dem Ziel, damit vielleicht das endgültig
tödliche "Entfließen" des Bluts wenigstens
hinauszuzögern. Das scheint - nach Eichs Selbstverständnis -
die Aufgabe des Lyrikers zu sein.
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© Dieter Schrey 1993/2006
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