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DIETER SCHREY 

KURZINTERPRETATION:
BERTOLT BRECHT, DIE UNWÜRDIGE GREISIN

Text: z.B. http://www.carelounge.de/altenarbeit/unterhaltung/prosa_brecht.php


Brechts Kalendergeschichte: Das Erzählte und das Erzählen

Brechts Kalendergeschichte Die unwürdige Greisin (1939, erstmals 1949 veröffentlicht) erzählt von den letzten zwei Lebensjahren der "Frau B.", der Großmutter des Ich-Erzählers: "Meine Großmutter war 72 Jahre alt, als mein Großvater starb." Die zwei Lebensjahre nach dem Tod ihres Mannes unterscheiden sich grundlegend von ihrem bisherigen Leben. Die Großmutter löst sich von fast allem, was bis dahin ihr Dasein ausgemacht hat, sie gibt vor allem den Lebensinhalt "Familie" auf und geht neue Wege, sodass sich der Ich-Erzähler mit der ganzen Verwandtschaft fragt: "Was war in sie gefahren?" Zum Schluss resümiert er: "Genau betrachtet lebte sie hintereinander zwei Leben. Das eine, erste, als Tochter, als Frau und als Mutter und das zweite einfach als Frau B., eine alleinstehende Person ohne Verpflichtungen und mit bescheidenen, aber ausreichenden Mitteln." Und im letzten Satz der Kalendergeschichte heißt es: "Sie hatte die langen Jahre der Knechtschaft und die kurzen Jahre der Freiheit ausgekostet [man beachte: beide Phasen ihres Lebens ausgekostet] und das Brot des Lebens aufgezehrt bis auf den letzten Brosamen."

Die positive Wertung am Schluss steht im Gegensatz zum Titel der Erzählung Die unwürdige Greisin. In diesem Titel ist das Urteil der Repräsentanten des ersten, des alten Lebens der Frau B. fixiert, vor allem das Ur­teil des jüngsten Sohnes, der zunächst darüber enttäuscht ist, dass seine Mutter ihn, seine Frau und die vielen Kinder nicht zu sich in das große Haus aufnimmt, und der zum Schluss "verzweifelt". Aus der Perspektive dieses Sohnes sieht das Sündenregister der Großmutter so aus: im Jahr 1910 (in dem die Geschichte spielt) Kinobesuch einer 72jährigen Frau; regelmäßiges Essen im Gasthof; Umgang mit einem trinkenden und dazu noch sozialdemokratischen Flickschuster; Umgang mit dem "Küchenmädchen" eines Gasthofs, einem geistigen "Krüppel", wie es heißt; Fahrt mit einer Bregg, einer Art Kutsche; Besuch eines Pferderennens; einsame nächtliche Spaziergänge; Kartenspiel und Rotwein-Trinken. Dieses Verhalten passt nicht zu der in 72 Jahren erreichten und aufrechterhaltenen Würde und widerspricht dem bürgerlich-kleinbürgerlichen Normensystem und der darin fest verankerten Forderung, "Knechtschaft", z.B. als Frau und Mutter, lebenslang zu ertragen.

Der Titel, der von Unwürde in diesem Zusammenhang spricht, steht auch nach der Lektüre der Kalendergeschichte noch da. Also muss der Leser nach der Lektüre den Widerspruch zwischen dem Titel und der Schlussbemerkung des Erzählers, der "viel Kleines, aber nichts Kleinliches", also doch Würde in dem Gesicht der Greisin auf ihrem letzten Foto erkannt hat, selbst auflösen.

Soviel kurz über das Erzählte und dessen Evaluation. Für ein adäquates Verständnis dieser Kalendergeschichte Brechts ist es wichtig, v.a. die Ebene des Erzählens genauer zu betrachten. Die Kalendergeschichte erzählt von einer entscheidenden Veränderung im Leben der Protagonistin, aber nicht der Prozess dieser Veränderung ist der Inhalt der Geschichte. Die Erzählung beginnt, nach einer gerafften Darstellung der Vorgeschichte, mit der Tatsache der bereits vollzogenen Veränderung. Auf der Folie der Vorgeschichte ist die Veränderung als solche erkennbar: "Aber die Greisin verhielt sich abweisend zu den Vorschlägen" der verschiedenen Familienmitglieder. Der Erzähler schildert keine allmähliche Entwicklung und psychologisiert nicht, sondern setzt ein "Aber". Die emanzipatorische Kraft dieser Frau - das ist ja wohl der Sinn - ist auch nach einem 72-jährigen Leben in "Knechtschaft" noch ungebrochen, sodass sie vom ersten Augenblick des nachlassenden Drucks an 'voll da' sein kann.

Wenn der Erzähler zunächst über ihre Loslösung von der Familie, dann in drei Schritten über ihre neuen Aufenthaltsorte Kino, Schusterwerkstatt und Gasthaus berichtet, handelt es sich nicht um Phasen eines Entwicklungsprozesses auf der Ebene der erzählten Zeit, sondern um Stationen des Erzählers auf der Ebene der Erzählzeit; das Gleichzeitige wird nicht gleichzeitig erzählt. Dennoch gibt es ein Nacheinander in der erzählten Zeit, das den Aufbau des zweiten Abschnitts der Kalendergeschichte (zwischen Vorgeschichte und Besuch des Erzähler-Vaters) bestimmt: Der Erzähler lässt den Gewährsmann, von dem alle Informationen über die Großmutter herrühren, nämlich den Buchdrucker und jüngsten Sohn, nacheinander vier Briefe schreiben. Die eigentlichen Ergebnisse auf der Ebene der Geschichte, in der erzählten Welt, sind also das Schreiben und Lesen von Briefen - nicht der Protagonistin, sondern ihrer Söhne.

Dabei bleibt es in der ganzen Kalendergeschichte: Bis zum Resümee am Schluss hat der Ich-Erzähler, der Enkel, seine Großmutter nie selber im Blick, sondern nur aus der Perspektive von Gewährsleuten, die aber andererseits kaum persönlichen Kontakt zu der Greisin haben. Erst im fünften Abschnitt löst er sich von den fremden Perspektiven und sagt in eigener Verantwortung "in Wirklichkeit" - beruft sich allerdings auch hier mehrfach auf seinen Vater als Gewährsmann. Die Indirektheit der Beziehung des Ich-Erzählers und damit auch des Lesers zur Protagonistin ist sorgfältig konstruiert:


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Auf der Ebene der Geschichte wird also zwischen Anfang und Ende der Erzählung zwar eine Entwicklung gezeigt, aber nicht die Entwicklung der Hauptfigur, sondern des Erzähler-Onkels und Briefschreibers, eine Entwicklung von anfänglicher "Enttäuschung" bis zu "Verzweiflung" und "Hysterie". Auf diese "Hysterie" wird nun - den zunächst uneingeschränkt geltenden Titel widerrufend - das Werturteil "unwürdig" zurückgeführt.

In die entgegengesetzte Richtung verläuft der Entwicklungsprozess des Ich-Erzählers auf der Ebene des Erzählens (auf der Ebene des Erzählten kommt er nicht einmal als Briefempfänger vor). Er beginnt im ersten Abschnitt, der die Exposition samt Rückblende enthält, mit einer neutralen, unbeteiligt scheinenden Erzählhaltung. Dieser Abschnitt endet erst mit dem Satz, in dem der Erzähler seine spätere Erzählstrategie auf engstem Raum zusammenfasst: "Seine [des Buchdruckers] Briefe an meinen Vater und was dieser bei einem Besuch und nach dem Begräbnis meiner Großmutter zwei Jahre später erfuhr, geben mir ein Bild von dem, was in diesen zwei Jahren geschah."

Dann aber lässt sich der Ich-Erzähler auf die Perspektive des Onkels ein, wenn auch, bereits mit den ersten Worten, leicht relativierend. Mehr und mehr gerät er allerdings ins Fahrwasser des Onkels und äußert im Kommentar Verständnis ("Man muss verstehen"), ja, er identifiziert sich mit dessen kleinbürgerlichen Werturteilen: Es sind seine, des Erzählers Worte, wenn es heißt, dass in der Werkstatt des Flickschusters "nicht besonders respektable Existenzen" ("unwürdige" also!) verkehren und dass der Schuster "jedenfalls (!) kein Verkehr für meine Großmutter war (!)".

Im dritten Abschnitt übernimmt der Ich-Erzähler die Perspektive seines Vaters bei dessen Besuch. (Aus dieser Figurenperspektive wird das einzige Mal in der Kalendergeschichte szenisch erzählt, einschließlich Dialogäußerungen.) Statt Enttäuschung oder gar schon leichter Empörung ("Was war in sie gefahren?") lässt sich hier humorvolles, leicht distanziertes Geltenlassen, aber auch Verständnislosigkeit ("Aber was wollte sie?") beobachten.

Von hier aus probiert der Ich-Erzähler im vierten Abschnitt noch einmal die Perspektive des Briefschreiber-Onkels aus. Dessen Entwicklung in diesem Abschnitt, in "Verzweiflung" und "Hysterie" endend, veranlasst den Ich-Erzähler zuerst zu Relativierungen ("wie der Buchdrucker schrieb", "Meine Großmutter schien ..."), die die Identifikation des zweiten Abschnitts zurücknehmen, dann jedoch zu eigenständiger "genauer Betrachtung" der "Wirklichkeit". Damit beginnt der fünfte Abschnitt.

Nachdem am Ende des ersten Abschnitts von dem "Bild" die Rede ist, das dem Ich-Erzähler die ihm zugänglichen Berichte von der Großmutter indirekt vermitteln, steht ihm zum Schluss doch noch ein wirkliches Bild zur Verfügung, die "Photographie, die sie auf dem Totenbett zeigt". Was er von diesem Foto sagt - "viel Kleines, aber nichts Kleinliches" - gibt in äußerster Verdichtung das Endergebnis eines fünfschrittigen Erkenntnisprozesses auf der Ebene des Erzählens wieder. Auch dem Leser ist die Möglichkeit geboten, diesen wirklich dialektischen Prozess durchzuspielen. Der fünfte Abschnitt bringt für den Ich-Erzähler eine qualitative Veränderung seines Urteils über die Großmutter und damit seines Normensystems.

Brechts Kalendergeschichte Die unwürdige Greisin zeigt die Wandlung von zwei Personen: Der jüngste Sohn ändert nicht sein kleinbürgerliches Normensystem, von dem sich seine Mutter in wichtigen Punkten verabschiedet hat, er ändert seine Einstellung seiner Mutter gegenüber und wird darüber unglücklich und hysterisch. Der Enkel ändert sich und seine Grundeinstellung und ist am Ende dort angelangt, wo seine Großmutter schon zu Beginn der Geschichte steht. Das gelingt ihm wohl deshalb, weil er, wie das indirekte Erzählen zeigt, von Anfang an der alten Frau nicht mit Forderungen und Ansprüchen 'auf den Leib rückt', sondern eine Distanz wahrt, die sowohl Erkenntnis als auch Freundlichkeit zulässt.

(Fortsetzung: Zur Verfilmung der Kalendergeschichte durch René Allio)


Teil I des Aufsatzes "Bertolt Brecht / René Allio »Die unwürdige Greisin«. Literaturverfilmung in der Sekundarstufe I", veröffentlicht in:
J. Paech (Hrsg.),
Methodenprobleme der Analyse verfilmter Literatur. Papiere des Münsteraner Arbeitskreises für Semiotik / papmaks 17. Münster (MAkS Publikationen) 1984. S. 245 - 269.
J. Paech (Hrsg.), Methodenprobleme der Analyse verfilmter Literatur. 2., überarbeitete Auflage. Münster (Nodus Publikationen) 1988. S. 213 - 224.

© Dieter Schrey 2006

Die Interpretation der Brechtschen Kalendergeschichte bezieht sich auf Materialien im Klett-Lesebuch Lesezeichen 8 (dort im Zusammenhang mit der Verfilmung der Kalendergeschichte durch Renè Allio). Zum Unterrichtskonzept im Einzelnen s. Lesezeichen 8, Lehrerband: Stuttgart (Klett) 1986, S. 139 ff. / 2000, S. 138 ff..

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