Gottfried Benn
REISEN
Meinen Sie Zürich zum Beispiel
sei eine tiefere Stadt,
wo man Wunder und Weihen
immer als Inhalt hat?
Meinen Sie, aus Habana,
weiß und hibiskusrot,
bräche ein ewiges Manna
für Ihre Wüstennot?
Bahnhofstraßen und Rueen,
Boulevards, Lidos, Laan –
selbst auf den Fifth Avenueen
fällt Sie die Leere an –
ach, vergeblich das Fahren!
Spät erst erfahren Sie sich:
bleiben und stille bewahren
das sich umgrenzende Ich.
© Gottfried Benn. Sämtliche Werke. Stuttgarter Ausgabe. In
Verb. m. Ilse Benn hrsg. v. Gerhard Schuster (Bände I - V) und
Holger Hof (Bände VI + VII)
Band I: Gedichte. Klett-Cotta, Stuttgart 1986, S. 307 (mit Dank
für die Genehmigung der Wiedergabe an dieser Stelle)
(Die Genehmigung für die Wiedergabe ist nicht
übertragbar.)
Klett-Cotta-Autoren im Internet:
http://www.klett-cotta.de/autoren_b.html?etuid=36etcHash=08d7b54a10
Zu Gottfried Benn bei Klett-Cotta:
http://www.klett-cotta.de/autoren_b.html?&uid=36&cHash=08d7b54a10
Zur Stuttgarter Ausgabe:
http://www.klett-cotta.de/literatur_buecher_b.html?&tt_products=491&backPID=105
Interpretation
Das am 23.12.1950
erstveröffentlichte Gedicht setzt als Rahmensituation ein
Gespräch zweier Zeitgenossen voraus, in dem einer der beiden sich
darüber beklagt, z.B. Berlin - in dem man (wie Benn) seit
Jahrzehnten lebt - biete nicht oder nicht mehr das, was man von einer
modernen Großstadt erwarten könne, man müsse deshalb
reisen, z.B. nach ... In diese Situation hinein stellt der Sprecher des
Gedichts, leicht arrogant und aggressiv wirkend, zunächst zwei
rhetorische Fragen: "Meinen Sie, Zürich zum Beispiel sei eine
tiefere Stadt...? Meinen Sie, aus Habana..." komme das Heil? Dass die
Antwort "Nein" lauten muss - daran will der Sprecher gar keinen Zweifel
aufkommen lassen.
Was hat ihn zu dem überheblichen, irgendwie gereizten Ton seiner
Fragen veranlasst?
Was der unbekannte, betont unpersönlich und distanzierend mit
"Sie" angesprochene Adressat der beiden rhetorischen Fragen in den
Strophen I und II und der Äußerungen in Strophe III und IV
offensichtlich auf den von ihm in Erwägung gezogenen "Reisen"
sucht, lässt sich aus Str. I-III erschließen: so etwas wie
"Tiefe" (I,2), "Wunder und Weihen immer" (I,3/4) und "ewiges Manna" -
so
gibt jedenfalls der Sprecher die Wünsche seines Gegenüber
ironisierend wieder. Er will sagen: Wer kommt heute noch auf die Idee,
so etwas Überholtes wie "Tiefe" oder religiöse bzw.
metaphysische Erfahrungen zu erwarten - und das nicht etwa in der
Natur, z.B. in einer "prächtigen Sommernacht" (Eichendorff,
Sehnsucht), sondern in einer modernen Weltstadt, sei es in Europa,
Süd- oder Nordeuropa - und auch noch für "immer" und "ewig"?!
Die Tradition des jüdisch-christlichen Abendlands ("Manna,
Wüste": Altes Testament, "Wunder, Wüste": z.B. Neues
Testament, "Weihen": z.B. Mittelalter) ist nicht mehr ernst zu nehmen,
man kann mit ihrem Vokabular Stabreim- und Reim-Späße machen
("Wunder und Weihen", "ewig",
"Wüstennot"/"Habana
- Manna") und sich
Übertreibungen leisten ("ewiges Manna"). Und für den
Anlass der metaphysischen Suche findet der Sprecher keine
einfühlenden Worte, sondern nur eine Wendung, die die
religiöse, vielleicht poetisch verklärte Tradition ironisch
mit der modernen, "entfremdeten" Anrede "Sie" koppelt: "Ihre
Wüstennot".
Wenn jemand das Leben in der Gegenwart - wohlgemerkt unmittelbar nach
1945! - als "Existenz in der Wüste" (Einsamkeit,
Orientierungslosigkeit, Todesgefahr usw.) erfährt, wenn jemand -
wo es anderen berechtigterweise noch um Brot geht - "Manna" sucht, also
geistige Speise, einen neuen Sinn im Leben nach all dem Entsetzlichen,
das die deutsche "Herrenrasse" angerichtet hat, und wenn jemand - wo
sich andere außer Brot (panem) auch Entlastung und Unterhaltung
(circenses) wünschen - "Wunder und Weihen" ersehnt, also
vielleicht nichts anderes als die notwendige, deshalb noch lange nicht
wahrscheinliche Veränderung der Welt ("Wunder") - warum muss dann
dies alles mit rhetorischen Fragen und ironischen Wendungen
abqualifiziert werden? Vielleicht weil auch der Sprecher ähnliche
Sehnsüchte hat und sie verdrängt? Wie äußert er
sich in der zweiten Hälfte des Gedichts?
Zunächst überträgt er seine ironische Stabreim- und
Reim-Kunst auf die Charakterisierung des Lebens in der Welt der
modernen Großstädte. "Bahnhofstraßen
- Boulevards", "Lidos - Laan"
(niederländisch: "Straße"), "Rueen - Fifth Avenueen"
(französisch-englisch/amerikanisch-deutsch gemischt) - also eine
nach dem Zweiten Weltkrieg sich als große Chance anbietende
Internationalität, bunte Vitalität, lebendige Vermischung -
das stellt sich für den Sprecher als unangenehm aggressive
("anfallende") "Leere" heraus. Für den heutigen Leser mag dies
überraschend sein. Aber er sollte bedenken, dass Benn schon vor
1945, schon in den 30er Jahren, nach dem Verlust seiner mit dem
Nationalsozialismus ursprünglich verbundenen Illusionen, "das
Abgründige (...), die Leere, das Resultatlose, das Kalte, das
Unmenschliche" als das "Wesen" der "inneren schöpferischen
Substanz" der "großen Geister der weißen Völker"
angesehen und gefeiert hat ("Weinhaus Wolf" 1937). Das hat sich nach
1945 offensichtlich nicht geändert.
Und dann verändert der Sprecher in Strophe IV vollkommen den Ton:
an die Stelle der kunstvollen Ironie tritt pathetisch-ernstes,
resignatives Reden: "Ach, vergeblich das Fahren!" Der späte Benn
klingt hier wie der späte Eichendorff, nur fehlt dessen
religiöser Trost in der Resignation. Obwohl Benn schon in den 30er
Jahren ähnliche Einsichten (über das "gezeichnete" und "sich
umgrenzende Ich" als einzig übrig bleibende Instanz im Gewoge der
Zeit) formuliert hat, gibt der Sprecher des Gedichts diese Einsichten
nun, 1950, als "späte" Erfahrungen aus, die unabhängig sind
von geschichtlichen Vorgängen, aber abhängig von dem zu allen
Zeiten gleichen physisch-psychischen Älterwerden des Menschen.
Zuletzt spielt er die resignative Haltung des alten Eichendorff
explizit gegen die des jungen Eichendorff (in "Frische Fahrt") aus.
Dieser hat sich trotzig vorgenommen: "Und ich mag mich nicht
bewahren! / Weit von euch treibt mich der Wind, / Auf dem Strome
will ich fahren, / Von dem Glanze selig blind! (...) Fahre
zu! Ich mag nicht fragen, / Wo die Fahrt zu Ende geht!" Ausgehend
von seinen Erfahrungen mit der nationalsozialistischen Ideologie, die
den einzelnen in Volk und Rasse "entgrenzt", setzt der späte Benn
solcher romantischen Bereitschaft zu unendlicher "Entgrenzung" seine
Altersweisheit entgegen: Es gehe darum, empfiehlt er seinem nach wie
vor gesiezten Adressaten, sich nicht lernend zu entwickeln, sich nicht
mit dem Gang der politisch-geschichtlichen Ereignisse zu vermischen, in
welcher Richtung auch immer, sondern an Ort und Stelle, außerhalb
des Geschehens zu "bleiben" und "stille (zu) bewahren das
sich umgrenzende Ich". Statt Entgrenzung: Umgrenzung. Statt
Masse: Einsamkeit. Statt Handeln: "Stille". Statt politischer
Orientierung: "Ich"-Orientierung. Statt Weltveränderung:
"Bewahrung".
nach oben
Zur
Seite "Lyrik - Kurzinterpretationen"
© Dieter Schrey 1993/2006
|