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DIETER SCHREY

"REKLAME" - KURZINTERPRETATION

 

Ingeborg Bachmann
Reklame

Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsre Fragen und den Schauer aller Jahre
in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille

eintritt

Ingeborg Bachmann. Werke. Erster Band. 2. Aufl. München (Piper) 1982. S. 114.
© Ingeborg Bachmanns Erben Dr. Christian Moser Wien

 

Interpretation:

Am Ende der 50er Jahre, nach dem "Schauer aller Jahre", in denen die Untaten zuerst geschahen und in denen sie dann verdrängt wurden, beschäftigt sich das Gedicht von Ingeborg Bachmann mit zwei Antworten auf die Situation der Gegenwart, die Günter Eich ("Pfaffenhut") als tödlich darstellt:

- mit der Antwort der "Reklame", der Werbung für die Lebenshaltung, die der "Reklame" selber im Rahmen der modernen westlichen Gesellschaft zugrundeliegt, der (angeblichen) Problemlösung durch Problemverdrängung ("Traumwäscherei") und durch materiellen Ersatz für die fehlende Realisierung einer Utopie ("Traumwäscherei") und

- mit der Antwort des "Reklamierens", des hilflos wirkenden Klagens, vielleicht sogar Lamentierens über das Fehlen einer "Anlaufstelle" (früher: Gott) zur Problemlösung.

Die 9 Verse 2,4,6...18 enthalten einen Text, der die "Reklame"-Lebenshaltung in drei Motiven darstellt, dem "Ohne-Sorge"-Motiv, dem "Heiter-und-mit-Musik"-Motiv und dem "Am-besten-in-die-Traumwäscherei"-Motiv. Die Motive werden jeweils so vorgetragen, als ob sie aus einem Lautsprecher "am laufenden Band" ertönen würden, unterbrochen durch dauernde Störungen. Gegen Schluss scheinen sich zwei Motive ineinander zu verheddern (V. 16). Die drei Sätze (V. 2/4, V. 6/8/10/12, V. 14/16/18) sind Aufforderungssätze, die dem individuellen Hörer einschmeichelnd empfehlen, alle Sorgen fahren zu lassen, stattdessen "heiter" zu sein und sich nach dem Schlager "Mit Musik geht alles besser" zu richten und sich schließlich - gut, besser, "am besten" - in die "Traumwäscherei" zu begeben. Was der Anlass dafür ist, dass man den Hörern ununterbrochen das Sich-Sorgen ausreden muss, wird verschwiegen. Die Überredung wirkt suggestiv. Der Begriff "Traumwäscherei" ist aus der Perspektive des "Reklame"-Sprechers ernstgemeint; er bezeichnet so etwas wie ein von der Gesamtgesellschaft betriebenes technisches Unternehmen, das für das kollektive Glücksgefühl und damit für eine "Schöne neue Welt" (A. Huxley) arbeitet. Vers 20 ist eine Leerzeile: Wohl veranlasst durch das Stichwort "Totenstille" der dazwischenredenden Störung, bricht die Lautsprecher-Stimme ab.

Eine solche Interpretation der Verse 2,4...20 scheint relativ unproblematisch zu sein, wenn auch das fünfmalige "ohne sorge", das dreimalige "mit musik" und das zweimalige "heiter" den Verdacht nahelegen, der Sprecher wolle nicht nur den Angesprochenen angesichts möglicher Sorgen beruhigen, er müsse vielmehr sich selbst sedieren, im tiefsten Inneren sei er sogar auf dramatische Weise verunsichert.

Strittig ist, wie die Verse 1,3...21 zu verstehen sind, wer als ihr Sprecher zu denken ist und aus welcher Haltung heraus sie gesprochen werden. Meines Erachtens ist es nicht möglich, die "Reklamier"-Verse der Autorin zuzusprechen, wie es häufig geschieht. Sicherlich ist der Sprecher ein "ernsthaft Fragender in wahrhaft wesentlichen Situationen" (K.C. Haase): Offensichtlich hat er in der Vergangenheit unter dem "Schauer" der Ereignisse gelitten (V. 13/15). Offensichtlich hat er Angst vor der Zukunft, vor deren "Dunkel und Kälte" (V. 1/3). Er hat - gut "existentialistisch" - verstanden, dass das menschliche Erkennen ("denken") und Handeln ("tun") seine Bestimmung erhält von der Existenz "angesichts eines Endes", von seiner Endlichkeit (V. 5/7/9/11). Und er hat verstanden, dass zuletzt immer noch metaphysische Fragen offenbleiben ("wenn Totenstille/eintritt", V. 17/19/21).

Stellen die "Reklame"-Aufforderungen und die "Sorge"-Fragen des Gedichts Bruchstücke eines längeren Dialogs zwischen zwei Sprechern dar, mit einem unmittelbar vorausgehenden, zu erschließenden Vers 0, in dem der "Ohne-Sorge"-Sprecher - sich behaglich in den Wirtschaftswunder-Sessel der Fünfzigerjahre zurücklehnend - geäußert hat "Uns geht's doch wirklich wieder gut" und dem nun der "Sorge"-Sprecher sein ängstliches "Wenn" und "Aber" entgegenhält? Oder gibt es außer den beiden Sprechern im Gedicht eine dritte Person, die in der Situation des Unterwegsseins ("gehen") noch unentwegtes Fortschreiten und ungestörten Fortschritt sieht, aber möglicherweise bereits mit leichten Zweifeln zu kämpfen hat und der beide Sprecher nun zu antworten versuchen - der eine mit beruhigenden, verharmlosenden Imperativen, ohne den Angesprochenen mit "du" zu benennen, der andere mit dem "wir" alle drei, die Sprecher und den Angesprochenen, sorgenvoll aufeinander verweisend? Jedenfalls ist die durch das "aber" geschaffene Leerstelle des vorausgesetzten Vor-Verses der Platz für den Leser mit seiner - welcher? - Haltung der Zukunft gegenüber.

Möglich ist es aber auch, dass "Wir"-Sprecher und Lautsprecher-Stimme auf radikale Aussagen über das Besorgniserregende (V. 1/3), ja, Aussichts- und Rettungslose (V. 5/7/9/11) und Tödliche (V. 13,15...21) der Gegenwartssituation der Menschheit reagieren -
- der eine immer neu, unmündig-hilflos, ein von außen vorgegebenes Ziel ("wohin") und vorgegebene Direktiven ("sollen") erbittend,
- der andere die katastrophale Situation beschönigend, verdrängend.

Immerhin scheint der Fragende immun zu sein gegen die ständige Seelenmassage der Lautsprecher-Stimme, er geht nicht auf sie ein, während diese sich durch die Fragen zunächst leicht (V. 16), dann deutlich (V. 20, die Leerzeile) aus dem Konzept bringen lässt. Allerdings weist der Sprech-Rhythmus beider Sprecher, jedenfalls äußerlich, deutliche Ähnlichkeiten auf:

- der eine jambisch-, v.a. anapästisch-unruhig einem feste(re)n Halt entgegenstrebend ("Wohín/ aber gé-/hen wir", "wenn es dún-kel und/ wenn es kált/ wird", und später "unsre Frá-gen/ und den Scháu-er/ aller Jáh-/re"),
- der andere anapästisch für Aufschwung sorgend ("ohne Sórge", "mit Musík", "in die Tráum-/wäschereí").

Zum Schluss steht der Fragende - und mit ihm der Leser - inhaltlich und rhythmisch vor einer Mauer ("eín-/trítt..."); weiteres Fragen scheint nicht mehr möglich zu sein - das Tonband mit den Beruhigungs-Slogans ist bereits vorher abgelaufen oder abgerissen, und auch das "wenn" der anderen Stimme, das ja eine Aussage über nur Mögliches, nicht bereits Wirkliches einleitet, ist kaum noch hörbar. An die Stelle des aktiven "Denkens" und "Tuns" ist das passiv erlebte "Geschehen" getreten.

Wie lässt sich die Montage, das egalisierende Nebeneinander der beiden Sprecher verstehen? Sollen beide ins Schweigen geführt werden, der eine weg vom angsterfüllten Reden, der andere weg vom harmlos oder bemüht "heiteren" Schwätzen?


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© Dieter Schrey 1993/2006