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Ingeborg
Bachmann (1957)
Freies
Geleit (Aria II)
Mit schlaftrunkenen
Vögeln
und
winddurchschossenen Bäumen
steht der Tag auf,
und das Meer
leert einen
schäumenden Becher auf ihn.
Die Flüsse
wallen ans große Wasser,
und das Land legt
Liebesversprechen
der reinen Luft in
den Mund
mit frischen Blumen.
Die Erde will
keinen Rauchpilz tragen,
kein Geschöpf
ausspeien vorm Himmel,
mit Regen und
Zornesblitzen abschaffen
die unerhörten
Stimmen des Verderbens.
Mit uns will sie
die bunten Brüder
und grauen
Schwestern erwachen sehn,
den König
Fisch, die Hoheit Nachtigall
und den
Feuerfürsten Salamander.
Für uns
pflanzt sie Korallen ins Meer.
Wäldern
befiehlt sie, Ruhe zu halten,
dem Marmor, die
schöne Ader zu schwellen,
noch einmal dem
Tau, über die Asche zu gehn.
Die Erde will ein
freies Geleit ins All
jeden Tag aus der
Nacht haben,
daß noch
tausend und ein Morgen wird
von der alten
Schönheit jungen Gnaden.
Ingeborg Bachmann. Werke.
Erster
Band. 2. Aufl. München (Piper) 1982. S. 161.
©
Ingeborg Bachmanns Erben Dr. Christian Moser Wien
(mit Dank für die Einwilligung zur Wiedergabe
des Textes)
Die
Erstveröffentlichung des Gedichts „Freies Geleit” war eine
Hörfunk-Aufnahme des SDR Stuttgart am 19. Juni 1957, zwei Monate
später wurde es in einer Schweizer Literaturzeitschrift im Druck
veröffentlicht. Als „Aria II” ist es Bestandteil der
„Nachtstücke und Arien” des Komponisten Hans Werner Henze, mit dem
die Autorin damals eng befreundet war; die Komposition wurde im Oktober
1957 auf den Donaueschinger Tagen für Neue Musik uraufgeführt.
Die sechs Strophen des in freien Rhythmen gehaltenen hymnischen
Gedichts bilden zwei Gruppen zu je drei Strophen (I - III; IV - VI).
Die dritte und die sechste Strophe beginnen - anaphorisch - mit der
Wendung „Die Erde will”. Was sie - die personifizierte Erde- nicht
will, wird in Str. III benannt; was sie positiv will, fasst
Str. VI zusammen - nachdem in Str. IV bereits in Details
von ihrem Wollen und in Str. V von ihrem Tun die Rede war. Str. IV und
V beziehen sich am Stropheneingang explizit aufeinander: „mit uns will
sie” - „für uns pflanzt sie”. Nur an diesen beiden Stellen zeigt
sich im Gedicht - allerdings indirekt - das lyrische Ich, das sich in
dem „wir” („uns”) offensichtlich in die gesamte Menschheit einbindet.
Die beiden ersten Strophen des Gedichts entwerfen in eindrucksvollen
Bildern ein surreales Naturszenarium, das sich einerseits durch die
Konventionalität der Requisiten auszeichnet („Vögel -
Bäume, Flüsse - Meer, Land - Luft” und - fast rokokohaft -
auch noch „frische Blumen”), andererseits durch die Phantastik der
Attribute („schlaftrunken, winddurchschossen”) und die manierierte
Beschreibung der den mythologischen Personen „Meer” und „Land”
zugeschriebenen Tätigkeiten (V. 3/4, V. 6 - 8). Im gleichen
Maße auffallend wie die Bildlichkeit ist hier der Klang: auf
engstem Raum häufen sich Alliterationen und Assonanzen, am
dichtesten in V. 6 - 8: „Land - legt - Liebesversprechen
- Luft - Mund - Blumen”. Immer wieder staut sich
der Rhythmus auf, um dann - in den ersten beiden wie in den anderen
Strophen - in eine umso leichter fließende,
»fallende« Bewegung überzugehen (daktylisch: „schláf-trún-ke-nen
Vö´-geln / und”, „Méer / léert
ei-nen schäú-men-den Bé-cher auf íhn”;
anapästisch lesbar: „Bäú-men / steht der Tág”).
Die Sprecherin des Gedichts beschreibt quasi-visionär (im
Präsens!) das Naturgeschehen, wie es sich nicht speziell
»heute«, sondern „Tag” für „Tag” seit Urzeiten bis in
die Gegenwart abgespielt hat und wie es sich eigentlich bis in alle
Zukunft fortsetzen müsste: Der als beseelte Person dargestellte
„Tag” erhebt sich aus der Nacht („steht auf”), gleichzeitig
„mit” und zusammen „mit” den nach der Nacht immer noch
„schlaftrunkenen Vögeln” und den immer noch „winddurchschossenen
Bäumen” - sie gehören nicht nur zur Nacht, sondern auch noch
zum Tag, er nimmt ihre Zustände „mit” in seinen Ablauf. Es
fällt auf, dass die Sonne oder das Licht nicht erwähnt
werden. Auf diese - vielleicht noch als ambivalent zu empfindende -
erste Aussage folgt das nur positive Assoziationen weckende pathetische
Bild des „Meeres”, das den neuen „Tag” durch einen „schäumenden”
(berauschenden?) Willkommenstrunk feiert. Vergleichbar
erhaben-pathetisch ist zu Beginn der zweiten Strophe das Bild der „ans
große Wasser wallenden” (= fließenden und wallfahrenden)
Flüsse. Wie das Meer gegen das Ufer „schäumt” und die
Flüsse sich auf das Meer zu bewegen, so wendet sich das „Land”
liebevoll der „reinen Luft” zu: Alle Naturelemente gehen aufeinander
zu, existieren im Miteinander („mit”!), so kann - immer wieder - Neues,
„Frisches”, „Reines” und Hoffnungsvolles („Liebesversprechen”)
entstehen.
In Strophe III überrascht den Leser/Hörer der plötzliche
Stimmungsumschwung: Nachdem in den ersten beiden Strophen von den vier
Urlementen nur „Wasser”, Erde („Land”) und „Luft” hymnisch besungen
worden sind, vervollständigt Str. III das Quartett, nennt aber
(aus Tabu-Gründen?) das vierte Urelement, das Feuer, nicht bei dem
Namen, der in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts das Phänomen am
schärfsten bezeichnet, nämlich beim Namen
„Atombomben-Explosion” oder „Atomwaffenversuch”, spricht vielmehr -
poetischer, aber leicht verharmlosend - vom „Rauchpilz”, dies freilich
mit energisch vorgetragenem Protest und mit biblischem Schöpfungs-
und Apokalypse-Vokabular: „Die E´r-de wíll
kéi-nen Ráuch-pilz trágen, / kéin Ge-schö´pf
áus-spéi-en vorm Hím-mel” („ausspeien”: Offb
3,16). Die Sprecherin des Gedichts (das so gen. lyrische Ich) hat
offensichtlich einen unmittelbaren Zugang zur (nichtbiblischen)
mythischen Mutter Erde, prophetisch vermag sie deren „Willen” zu
verkünden. Sie kennt auch deren Willen (Wunsch oder
Vorhaben?), „die unerhörten Stimmen des Verderbens”
„abzuschaffen”. Mit diesen „Stimmen” sind wohl nicht die unheilvollen
Geräusche irgendwelcher Naturgewalten gemeint, sondern konkret das
Reden der Menschen, die - aus der Sicht der Sprecherin als
Sprachrohr der Autorin - in den 50er Jahren die „unerhörten”
Pläne zu immer neuen Atomwaffenversuchen gefasst und realisiert
haben (s. Materialien-Blatt). Wie jedoch will (und kann) „die Erde”
dann eine solche Katastrophe („Verderben”) verhindern? Die ihren Willen
verkündende Sprecherin des Gedichts deutet - mythisierend - eine
Sintflut an („Regen und Zornesblitze” - himmlisches Feuer und Wasser) -
aber wie sähe das konkret in der politischen Realität aus?
Gemeinsam „mít úns wíll sie”
- die Erde - die Rettung versuchen, verkündet die vierte Strophe.
Wie in der ersten Strophe ist auch hier die Präposition „mit”
mehrdeutig, die Wendung kann heißen „zusammen mit uns” und „so
wie wir auch”, es kann aber auch die Bedeutung „mit unserer Hilfe”
mitschwingen. Jedenfalls geht „die Erde” davon aus oder hofft
zumindest, dass „wir” das gleiche Wollen haben wie sie. Auf diese Weise
bekommt Strophe IV indirekt Appellcharakter: Die Fische und die
Vögel sind „unsere” „Schwestern und Brüder”, denen
gegenüber wir zur Solidarität verpflichtet sind, sie sind
aber darüber hinaus - märchenhafte - „Könige”,
„Fürsten” und „Hoheiten”, vor denen wir uns zu verbeugen haben,
die aber vielleicht auch, als solche Majestäten, über Macht
(welche?) verfügen, das drohende Unheil abzuwenden - mit
großem klanglichem Aufwand (f-Alliteration, a-Assonanz, 5-hebigem
Trochäus) wird der „Salamander” ins Spiel gebracht, als
„Feuerfürst” müsste er in der Lage sein, das Feuer zu
beherrschen. (Anders als in E.T.A. Hoffmanns „Der goldne Topf”
scheint der Salamander nicht zugleich Lichtträger und chaotischer,
wilder Feuergeist zu sein.) Aber welche Magie überträgt
die Macht solcher märchenhaften Naturwesen auf „uns”?
Vielleicht die Magie der poetischen Sprache, die mit der Schönheit
ihrer Bilder und Klänge die Präsenz der königlichen
Geschwister beschwört, ihr „Erwachen” herbeiführt?
Möglicherweise ist
hier allerdings - nach Strophe III, anders als
in Strophe I - mit dem gewünschten „Erwachen” nicht das
natürliche, ewig-alltägliche „Erwachen” aus der
„Schlaftrunkenheit”, sondern ein „Wieder-Erwachen” gemeint und
mit den „Brüdern” und „Schwestern” die auf dem Bikini- oder
Mururoa-Atoll (s. Materialien-Blatt) bereits „ausgespienen
Geschöpfe”, die Fische, Vögel und Salamander dort. Wieviel
echte Hoffnung auf ein „Erwachen” der geschwisterlich- und
königlich-schönen „Geschöpfe” wäre aber mit dieser
Vorstellung verbunden?
Wie auch immer es um die Fortexistenz der Nachtigallen und Salamander
bestellt sein mag - offensichtlich sorgt „die Erde” unentwegt
mütterlich „für uns”, vor allem für unser
Bedürfnis nach Schönheit (durch den „Marmor” und wohl auch
durch die „Korallen”) und für unsere Ruhe und Muße
(„Ruhehalten der Wälder” = „ruhen” und „Ruhegewähren”). (Möglich
scheint auch: „Ruhe haltende Wälder” = „ruhig bleibende, unsere
Sicherheit nicht gefährdende Wälder”. Für „Ruhe halten”
= „ruhen” spricht die Erinnerung an das bekannte Abendlied „Nun ruhen
alle Wälder”; die Ruhe in der Natur gibt dem Menschen die
Möglichkeit zur Besinnung: „Ihr aber, meine Sinnen, auf, auf, ihr
sollt beginnen, was eurem Schöpfer wohl gefällt”. Auch eine
Anspielung auf Goethes „Ein Gleiches” ist denkbar.) Drei der
Ur-Elemente - „Meer”, Land („Wälder”, „Marmor”) und Luft („Ruhe”
der „Wälder” = „Windstille”?) - gehorchen ihr. Mögen jedoch
Wälder nach wie vor existieren, mögen die marmornen Adern
immer noch „schwellen”, scheinresistent gegen das „Verderben” - „die
Asche” ist ebenfalls real existent, und es handelt
sich nicht um irgendwelche „Asche” (ohne Artikel) - der direkte Artikel
stellt im Text den Zusammenhang her mit „Rauchpilz” und „Verderben” in
der vorigen Strophe, mit der Rede vom atomaren Feuer als der modernen
Gestalt des vierten Ur-Elements. „Die Erde” hat zwar immer noch die
Macht, dem „Tau” zu befehlen, dass er „über die Asche geht”, sie
dadurch vielleicht wieder fruchtbar macht („für uns”!) („Tau”
= Element Wasser; auch christliches Symbol für Trost oder gar
Erlösung). Aber wievielmal noch ist das möglich, was
heißt hier „noch einmal”?
Die Schlussstrophe
überbietet die in der dritten und vierten
Strophe vorgetragenen Willensbekundungen der „Erde”: sie beansprucht,
dem Titel des Gedichts entsprechend, ein universales „freies Geleit”,
eine für alle Zeiten geltende »Gewährung der
Bewegungsfreiheit und Unverletzlichkeit der Person« (Hermann
Paul, Deutsches Wörterbuch), ihrer eigenen »Person«
und der aller ihrer „Geschöpfe”, sie fordert die Befreiung aus der
Gefangenschaft „der Nacht” - „aus der Nacht”, die immer schon war, aus
der heraus „der Tag” immer neu „aufsteht” (Str. I) und nun erst recht
„noch tausend und einen Morgen” aufstehen soll, trotz der Nacht und
Finsternis in der Gegenwart der „Rauchpilze”. Die von der Sprecherin
als Prophetin des Erd-Willens verkündete Utopie impliziert also
nicht die Vorstellung eines ewigen Friedens oder eines endgültigen
Reichs der Freiheit, sondern »lediglich« den Wunsch,
täglich neu „aus der Nacht” erwachen zu können.
Auch die märchenhafte
„Dichterin” Scheherazade, die
Erzählerin der Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht”, auf die
die beiden letzten Verse des Gedichts anspielen, muss in tausend
Nächten Todesängste ausstehen und immer neu darauf hoffen,
„dass noch tausend und ein Morgen wird”. Allerdings wird ihr als einer
Märchenfigur dann doch ein endgültig „freies
Geleit” ins Leben zugestanden; davon ist im Gedicht keine
Rede. (Es stellt sich dennoch die Frage, warum das „freie Geleit”
„ins All” führen soll. Wenn die freigegebene Reise „ins All” einen
Ortswechsel meint, einen Wechsel an einen nun wirklich u-topischen Ort,
könnte dies als Fluchtwunsch verstanden werden. Jedenfalls
könnte „die Erde” so Gefahr laufen, »den Boden unter
den Füßen zu verlieren«.) In den „Geschichten von
tausendundeiner Nacht” ist es der (grausame) Herrscher, der
schließlich das „freie Geleit” gewährt - wer ist
es aber, der in der Gegenwart der „Rauchpilze” und anderer drohender
Katastrophen wenigstens von Tag zu Tag das „freie Geleit”
für „die Erde” - „für uns” und alle „Mit”-„Geschöpfe” -
gewähren soll und kann? Es sind - im Gedicht - nicht diejenigen,
deren „unerhörte Stimmen” das „Verderben” verursachen bzw.
verursacht haben. Auch nicht „die Erde” selber - sie beansprucht
ja das Geleit. Aber die Antwort lautet auch nicht, in konsequenter
Fortführung des Beginns der Strophen IV und V: „Von uns will
die Erde ein freies Geleit haben” - das Vertrauen der Sprecherin in
„uns” scheint nicht groß genug zu sein. Das Gedicht gibt vielmehr
eine religiös klingende Antwort, mit seinem letzten Wort: Die
Erfüllung des Willens der Erde und unseres Willens geschieht nur
aus „Gnade”, allerdings „von Gnaden” nicht (eines) Gottes, sondern der
(göttlich gedachten?) „Schönheit” - wessen Schönheit? Es
kann nur - so denke ich - die „alte”, seit Jahrmillionen bestehende
Schönheit der „schlaftrunkenen Vögel” und
„winddurchschossenen Bäume”, des „Königs Fisch” und des
„Feuerfürsten Salamander” gemeint sein, deren Preis das Gedicht
singt. Ihre „Gnade” ist „jung”, sie gewährt sie stets neu, so auch
in der Gegenwart des Gedichts.
Am Ende steht also der Glaube an die Macht der Schönheit. Der hat
auch Scheherazade vertraut, indem sie noch nach tausend Nächten
des Ausgeliefertseins an die Grausamkeit nicht den Glauben verloren
hat, mit der Schönheit und Faszinationskraft ihrer
Erzählungen das Grauen zu besiegen. Ist die Schönheit der
Dichtung etwas anderes als die der mythisch verstandenen Natur? „Mit”
der Schönheit der Bilder von „winddurchschossenen
Bäumen” und der „Hoheit Nachtigall” und des Klangs von
„Fisch” und „Feuerfürst” erwacht die Sprecherin des Gedichts aus
der Nacht ihrer Gegenwart - in welchen Tag?
© Dieter Schrey 2001/2006
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